Rezension: Blackout Problems – Kaos

Knappe zwei Jahre und unzählige Touren, Festival- und Supportslots später bringen die Blackout Problems aus München nun neues Material an den Start. Kaos heißt das aufwühlende und hoch emotionale Album, das mich jetzt schon etwas länger beschäftigt. Hier erzähle ich euch, warum.

Blackout Problems 2018 ©Ilkay Karakurt
Credits: Ilkay Karakurt

Kennt ihr dieses Gefühl, dass euch wildfremde Menschen aus der Seele sprechen und ihr absolut nicht mehr wisst, wie ihr damit umgehen sollt?
Seit einem knappen Monat beschäftige ich mich nun mit dem brandneuen Blackout Problems Album Kaos und noch immer überfordert es mich komplett. Vom ersten Ton an beschlich mich das beklemmende Gefühl, die Jungs hätten sich im vergangenen Jahr klammheimlich in mein Leben geschlichen, es punktgenau dokumentiert und mit sphärischer Gitarrenmusik unterlegt. Aber eins nach dem Anderen…

Da ich mich nicht zu den klassischen Musikmagazinen zähle, die den Anspruch pflegen, möglichst neutral über etwas berichten zu müssen, wird dies mal wieder eine etwas persönlichere Rezension.
Eigentlich hatte ich mir ja ganz fest vorgenommen, die Blackout Problems für längere Zeit links liegen zu lassen, da ich mit ihnen unweigerlich alte Freund- und Bekanntschaften, Erlebnisse und in der Gesamtheit eher unangenehme Gefühle verbinde, die mich aus Gründen der unausweichlichen Reizüberflutung zeitweise zu einem Menschen gemacht haben, der ich nie sein wollte und mich zuletzt an den Rand einer Depression getrieben hatten. Das mag nun weniger an der Band selbst und eben mehr an vielen innerlich kaputten Leuten liegen, die mich zu Zeiten des intensiven Musikkonsums umgaben und meine Psyche extrem negativ beeinflussten.
Tatsächlich erzähle ich euch das im Rahmen dieser Rezension auch nur deshalb so ausführlich, weil mich schon seit längerer Zeit das Gefühl beschleicht, dass die Blackout Problems einen ziemlich starken Magneten für viele orientierungslose Menschen darstellen, die die Band dann des öfteren auch mal als Projektionsfläche ihrer persönlichen Probleme nutzen. All denjenigen, die sich nun selbst als eher als labilere Persönlichkeiten empfinden, mag ich tatsächlich eine Trigger Warnung aussprechen: Ja, auch die Blackout Problems haben ihre eigenen Päckchen zu tragen. Mit Kaos haben sie sich für die Flucht nach vorn entschieden. Eine Freundin erzählte mir erst neulich, sie habe in einem persönlichen Interview mit Frontmann Mario Radetzky erfahren, er fühle sich mit diesem Album nun so, als stünde er splitterfasernackt vor dem Publikum. Ja, das Album kann euch gedanklich ziemlich hart rannehmen.

Da mir die Blackout Problems auf musikalischer Ebene nach wie vor eine Menge bedeuten, konnte ich mich bei Erhalt der Promomail nur schwer bremsen und wollte mal hören, was die Band mittlerweile denn auf der musikalischen Ebene so treibt.

Fakten: Blackout Problems – Kaos

Blackout Problems KAOS Album Cover
Name Kaos von Blackout Problems
Release am 15. Juni 2018 via Munich Warehouse/Cargo Records
Musikstil emotionaler englischsprachiger Alternative Rock
Weitere Infos FacebookWebseite | Instagram | Twitter | YouTube
zu erwerben via Amazon*, iTunes und Co.

Innere Werte: Blackout Problems – Kaos

“Follow me into the gutter” lautet der erste Satz, den Mario dir im Opener How are you doing entgegen brüllt und damit einen direkten Bezug zur bisherigen Discographie der Blackout Problems schafft. Und auch musikalisch verlässt sich die Band zunächst auf ihre gewohnt Punk- bis Alternative-lastigen Pfade. Was textlich auf Anhieb auffällt, sind die weitaus persönlicheren Lyrics als auf dem Vorgänger-Album Holy. Besonders zwei Zeilen treffen mich unerwartet hart in die Fresse, letzterer mit seiner choralen Aufmachung irgendwie nochmal umso fester. (Ich garantiere nicht für eine korrekte wortgenaue Wiedergabe, Marios eher deutsch klingendes und leicht vernuscheltes Englisch verführt an manchen Stellen gern zum Heraushören völlig neuer Textelemente):

I tried my best but I’m addicted to failure

Liest du noch oder likest du schon?

In every saint hides a sinner,
in every fucked-up the holy ghost

Der Titeltrack Kaos beginnt hingegen deutlich gemäßigter und auch synthielastiger. Er entfaltet erst nach und nach seine Kraft, baut sich bis zu einem gitarrengetragenen Höhepunkt auf und fühlt sich danach wie ein musikalischer Befreiungsschlag an.

Eins meiner absoluten Highlights stellt ohne Frage der Song Difference dar. Obwohl der Track gar nicht so abwechslungsreich erscheint, brennt er sich auf Anhieb im Kopf fest und verweilt tagelang in einer Endlosschleife auf meinen Musikabspielgeräten. Mega Ohrwurm zum Mitwippen und im Refrain auch zum Herumschubsen.

Queen wirkt auf den ersten Blick erneut wie eine Anlehnung an die bisherige Themenwelt der Blackout Problems. Inhaltlich kommt er tatsächlich wie eine Liebeserklärung ohne all den großen Kitsch daher. Musikalisch gesehen gehört er definitiv zu den schnelleren Tracks der Platte, die dabei auch noch irre gut ins Ohr gehen.

You are my perfect waste of time,
I used to sleep through the night

Eines der schmerzhaftesten und zugleich schönsten Lieder, die ich je von den Blackout Problems hören durfte, hört auf den Namen Holly. Der Track kommt ungewohnt ruhig und sphärisch daher. Das geschieht einerseits durch den sehr synthielastigen Sound, andererseits durch die tief gepitchte Stimme im Hintergrund des Refrains und den Chor gegen Ende des Tracks. Und den Rest solltet ihr euch einfach mal selbst in Ruhe geben…

Von Song zu Song zeigt das Album mehr und mehr an unterschiedlichen musikalischen Facetten, die auf eine seltsame Art und Weise zugleich neuartig und vertraut daherkommen. Irgendwo zwischen Selbstreflexion, -aufgabe und regelrechtem Selbsthass steckt dennoch ein kleiner Hoffnungsschimmer. Why can’t we start this over?

Den krönenden Abschluss schafft das epische Charles, welches wieder als einer dieser vor allem durch einen Chor unglaublich atmosphärisch gestalteten Tracks, der einen trotz der positiven Botschaft gegen Ende in einer beklemmenden Stille – gefickt von einer emotionalen Achterbahn – zurück lässt.

 I’m not scared of the future

04 Blackout Problems Green Juice Festival 2017 Freitag Brückenforum Bonn Schallgefluester Credits Christin Meyer (68)
Blackout Problems beim Green Juice Festival 2017 im Brückenforum Bonn

Fazit: Blackout Problems – Kaos

Wie es bei den Blackout Problems eigentlich auch schon zu erwarten war, ist Kaos keines dieser oberflächlichen No-Brainer-Alben. Die Münchner Band hat geschafft, woran andere Musiker*innen kläglich scheitern: Eine musikalische Weiterentwicklung, ohne sich und seinen Sound dabei zu verraten.
Nach dem ersten Durchlauf fragte ich mich noch, ob das Album live auch nur im Ansatz an die bisher so geile Stimmung herankommen könnte. Nach einigen Runden mehr bin ich überzeugt: Die Platte trifft einen mit seinem stetigen Auf und und all seinen Emotionen brutal in die Fresse. Wo Kaos drauf steht, ist Kaos drin.

Mir persönlich schnürt das neue Album der Blackout Problems an einigen Stellen unangenehm die Kehle zu – einerseits, weil ich viele der Gedankengänge nur viel zu gut nachvollziehen kann und andererseits, weil ich mir fest vorgenommen hatte, mich nicht mehr so stark in Schicksale fremder Personen hineinziehen zu lassen. Doch das ist hier vorprogrammiert. Wer sich etwas Zeit für die Platte nimmt und kein emotionsloser Klotz ist, der wird das Album auf jeden Fall zu schätzen wissen. Darüber hinaus strotzt das Album nur so von tattoowürdigen Zitaten. Ich bin schon gespannt, was man da in der Zukunft alles so an Körperkunst bewundern darf…

Die Blackout Problems sind und bleiben für mich eine Hassliebe. Ich liebe ihre energetischen Shows, ihre Fotogenität, ihren Sound und ihre Messages. Und ich hasse es, dass sie mit Kaos knallhart meine Gedanken ficken.

Anspieltipps: Difference, Queen, Holly, Charles

Übrigens: Die Band spielt im Rahmen der Albumveröffentlichung ein paar exklusive Konzerte in vier deutschen Städten. Alle Infos dazu bekommt ihr hier.

Disclaimer

Das Album wurde mir zu Rezensionszwecken kostenlos zur Verfügung gestellt. Abseits dieser Vereinbarung wurden keine Absprachen bezüglich der Beitragsinhalte getroffen. Sämtliche Inhalte der Rezension entsprechen meiner persönlichen Meinung.

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Im September 2013 startete ich diesen Blog und im Spätsommer 2014 entdeckte ich dadurch meine größte Leidenschaft - die Konzertfotografie.

Schallgefluester

Livemusik und Bühnennebel. Der Stoff, aus dem Konzerte sind. Schallgefluester ist dein Musikblog mit Herz und Seele statt kopfloser Massenproduktion. Von Adam Angst bis Die XYZ – hier wird musikalische Vielfalt groß geschrieben. Von Konzertfotos und Berichten bis hin zu Interviews, Rezensionen und Ankündigungen – ich widme mich kleinen und größeren Künstlern und deren Musik. Ob Geheimtipp wie Farben/Schwarz und KAFVKA oder großer Fisch wie Alligatoah, Billy Talent oder The Pretty Reckless – für mich zählt die Leidenschaft an der Musik.

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