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    Rezension: Mikroboy – Leicht

    [dropcap]M[/dropcap]anche Bands verschwinden einfach im Nichts und tauchen nach Jahren wieder auf. Zumindest für einen kurzen Moment. So geschehen mit Tinis Jugendliebe Mikroboy.

    Eigentlich war es eine der schönsten Nachrichten, die ich mir hätte vorstellen können. Mikroboy zurück im Musikbusiness und auf den Bühnen. Endlich kann ich mir einen meiner großen Wünsche auf der Bucket-List erfüllen und eine fast totgeglaubte Band aus meiner Jugend live und in Farbe bewundern.

    Mikroboy Leicht Cover
    Name Leicht von Mikroboy ¹
    Erschienen am 29.04.2016 via Chateau Lala (Broken Silence)
    Musikstil deutschsprachiger Pop/Indie
    Für Fans von… EMMA6
    Spieldauer 35:46 min verteilt auf 10 Songs
    Weitere Infos Facebook Mikroboy Webseite
    zu erwerben via Amazon*, iTunes & Co.

    Ja, ich gebe es zu, ich habe selten so lange dafür gebraucht, endlich den Anstoß zu finden und in eine Platte hinein zu hören. Da ist einfach dieses Gefühl, das mich zögern lässt. Ich möchte ehrlich sein: Mich beschleicht diese Angst, meine Liebe zu Mikroboy bestünde nur noch in meinen Erinnerungen und ich pflegte nun möglicherweise überzogene Erwartungen an das neue Album der Band. Man kann es schließlich nicht von der Hand weisen – in der Zwischenzeit hat sich verdammt viel getan, bei ihnen, aber vor allem auch bei mir.

    Herzrasen und schweißnasse Hände. Ich wage endlich den Sprung ins kalte Wasser und beginne mit dem ersten Track.

    “Und alles ist so leicht”, heißt es dort. Der Opener und Namensgeber des Albums gibt die Ahnung einer Grundstimmung vor: Ein treibender sich musikalisch aufbauender Song, tatsächlich erfüllt von dieser typischen Mikroboy’schen Leichtigkeit. Die Anspannung lässt deutlich nach. Das ist der Sound, den ich all die Jahre über vermisst habe. Das sind für mich Mikroboy. Meine Angst hat sich für’s Erste verflüchtigt und ich höre weiter.

    Eine erste Ernüchterung ereilt mich mit “Niemals bereit”. Was als Akustikversion auf Facebook absolut durch die Decke ging, verliert meines Erachtens nach in der Studioversion leider deutlich an Gefühl. Der Track kommt mir etwas dahergesungen und vom Instrumental überspielt vor und erinnert mich eher an das bei mir persönlich ziemlich schlecht weggekommene Album “Passen” von EMMA6. Textlich gesehen gehört dieser Song dennoch zu den stärksten der Platte. “Doch wenn nur die Zeit die Wunden heilt, müssten wir hundert Jahre alt sein…”
    Und so arbeite ich mich durch das Album durch, erlebe gefühlstechnische Hochs und Tiefs. Besonders zwei Songs brennen sich durch besonders starke und mitreißende Texte in meinen Kopf – zum einen das herzzerreißend traurige “Schnee” und zum anderen die ultimative Liebeserklärung “Wasser durch Stein”. Ja, diese Tracks gehen einfach durch Mark und Bein.

    Liest du noch oder likest du schon?

    Etwas ungewöhnlich kommen Titel wie “Alles verstanden” und “Herbst” daher, in welchen Michi zeitweise richtigen Druck in seiner Stimme aufbaut. Tanzbar, schnell und motivierend. “Ich durchbreche alle Schranken mit der Kraft meiner Gedanken”, heißt es in ersterem Track beispielsweise.

    Was mich nach intensiverem Hören explizit dieses Albums wirklich erstaunt, ist die Tatsache, dass manche vielleicht noch so tiefgründig gemeinten Texte anhand vorhersehbarer Paar- und Kreuzreime in geschriebener Form einfach nur unglaublich simpel und bei wiederholtem Hören nahezu anstrengend klingen. So etwa der eigentlich recht motivierende Track “Trümmer”: “Weil die Worte meine Freunde sind, weil ich dadurch die Orte find’, die mich heilen und regenerier’n und ich hab’ lang gebraucht, um das zu kapier’n.”
    Noch deutlicher wird dies anhand ultimativ kitschiger Parts wie etwa in “Bleib mit mir wach”: “Du bist mein Licht und meine Dunkelheit, du bist meine Zwei- und meine Einsamkeit. Und bitte sei traurig, bitte sei schwach, bitte bleib heut’ Nacht mit mir wach…”
    Normalerweise wäre das für die meisten Hörer nach kurzer Zeit wohl zu viel des Guten. Wenn nun aber ein Michi Ludes mit dem typischen Mikroboy-Sound daherkommt und jene Songs zum Besten gibt, verfliegt dieses eher unangenehme Wahrnehmung und es fühlt sich an wie die große Poesie. Lieber Michi, wie machst du das?

    Mikroboy stehen auch mit Leicht für toll produzierte harmonische, mitreißende und herzerwärmende überwiegend tanzbare Instrumentale, die dir ein großes Lächeln ins Gesicht zaubern. Die Band vereint trotz mancher zu offensichtlicher Haus-Maus-Reime ehrliche Gefühle und das Zeigen von Schwächen mit Blicken nach vorn und motiviert mit ihren Songs zur Selbstreflexion – und letztlich auch zum Weitermachen, selbst in den schwereren Zeiten.
    Auch wenn der Funke bei mir nicht mehr so wie bei den früheren Produktionen übergesprungen ist, empfinde ich “Leicht” keineswegs als ein schlechtes oder unpassendes Album, aber irgendwie auch nicht als den absoluten alles überstrahlenden Kracher. Man merkt der Platte an, dass sich Mikroboy im Rahmen der Produktion etwas vom Druck von Außen losgerissen haben und dass darin das steckt, worauf sie Lust hatten.

    Den doch etwas unerwarteten Abschied der Band sehe ich deshalb mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Es ist schade, dass es das nun gewesen sein soll. Andererseits bin ich froh, dass da nicht mehr so viel Neues dazu kommt. Mit jeder neuen Veröffentlichung – gerade nach so vielen Jahren – steigt die Gefahr, dass sich alles zu sehr verändern kann. Sei es aus Sicht der Band, die ihre Geschichten erzählt und sich in andere Richtungen entwickelt hat oder etwa durch den Reifungsprozess des Zuhörers.
    Ich bin froh darüber, Mikroboy für jene mitreißende Songs in Erinnerung behalten zu können, welche mich für einen gewissen Zeitraum meiner Jugend begleitet haben.
    Und noch glücklicher macht mich die Tatsache, dass ich meinen Traum verwirklichen und die Band einmal auf ihrer anstehenden Tour sehen werde.

    Anspieltipps: “Leicht”, “Niemals bereit”, “Schnee”, “Wasser durch Stein”

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    1 Kommentar

  • Antworten Rezension/Gewinnspiel: Vona - Alles was ich hab | Schallgefluester 27. August 2017 unter 13:29

    […] alles muss man auch gar nicht zwangsläufig negativ sehen. Mikroboy etwa schrieben die schmalzigsten Texte, die ich bis heute gelesen habe. Das fiel beim Zuhören […]

  • Antworten