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    Rezension: The Emma Project – Chromatic EP

    [dropcap]A[/dropcap]ls ich The Emma Project das erste Mal live erlebte, wirkten sie wie von einem anderen Stern. Interessant, geheimnisvoll, verstörend und faszinierend zugleich. Grund genug, sich noch einmal genauer mit der Musik der Berliner auseinanderzusetzen.
    Vor einigen Monaten zog es mich trotz Bahnstreik nach Köln, um dort The Love Bülow wieder zu sehen. Da ich mich mittlerweile größtenteils lieber überraschen lasse und weil mich der Bandname irgendwie nicht sofort angesprochen hatte, ließ ich die Vorband dabei vorerst Vorband sein – bis sie auf der Bühne standen und ich mir so ein erstes Bild von The Emma Project machen konnte. Was sich seitdem in meiner Wahrnehmung verändert hat und was ich vielleicht noch immer so sehe? Lest hier meine Rezension zur „Chromatic“ EP…

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    Name The Chromatic EP von The Emma Project ¹
    Erschienen am 21.12.2014 via Toolboxx Records
    Musikstil zwischen englischsprachigem Indie-, Elektro- und Experimental-Pop
    Spieldauer 24:54 min verteilt auf 7 Songs
    Weitere Infos Facebook Webseite SoundCloud YouTube
    zu erwerben via Amazon*, iTunes & Co.

    Chromatic. So heißt also die EP von The Emma Project.
    Haben wir es hier tatsächlich mit Musiknerds zu tun, welche damit auf die Umfärbung diatonischer Tonstufen anspielen? Nun gut, The Emma Project besteht aus drei Multiinstrumentalisten und Songwritern, welche sich live auch gern einmal Unterstützung dazu holen, damit ihr Sound noch größer klingt. Sie neigen zu musikalischer Perfektion, machen sich viele Gedanken über das, was sie da tun. Unrealistisch wäre diese Referenz also ganz sicher nicht.
    Oder ist diese Assoziation zu weit hergeholt und es geht im Wahrheit „lediglich“ um den Begriff aus der Farbenlehre, welcher eigentlich all die Farbtöne wie Blau, Rot, Gelb oder Grün bezeichnet?
    Und was soll dann dieses Cover, überwiegend in einem bläulichen Farbschema gehalten, ein paar Strahlen von einem Fluchtpunkt links unten aus, über dem knapp in der Hälfte mittig platzierten Bandnamen diese drei geheimnisvollen Symbole, je mit einem eigenen Auge versehen – Kreis, Dreieck und Quadrat. Sind hier etwa die Illuminaten im Spiel? Sehen sich Fabrice, Michael und Anton selbst als je eines dieser Symbole?
    Dazu auch noch dieser Effekt ähnlich dem alter Filme.

    Der erste Titel beginnt ähnlich zu seinem Titel. „Raindrops“ hört sich zunächst ein wenig dumpf an, fast so, als hätte man Wasser im Ohr. Geheimnisvoll. Ein obligatorisches „Ohhhh“ – Auftauchen. Klarheit. Gesang. Fabrice klingt wie eine Mischung aus Ville Valo, Theon von der finnischen (ehemaligen) Rockgruppe Lovex und einem Funken Samu Haber.
    „Living in reverse“ baut sich anfangs auf wie manch ein 30 Seconds to Mars-Track (nach dem ewiglangen Videointro), wandelt sich dann aber relativ schnell in einen Song, der eigentlich genau so im Radio laufen könnte. Irgendwie elektronisch und trotzdem mit klarem Einfluss einer Akustikgitarre, ein treibender Beat. Erfrischend und positiv. Es macht mir Spaß, diese ganzen kleinen Synthie-Details herauszuhören, die man mit Worten kaum beschreiben kann. Textlich hat es der Song echt in sich – er trifft den absoluten Nerv der Zeit, indem er von Menschen erzählt, welche gedanklich in der Vergangenheit leben. Er ruft dazu auf, jede Person genau so zu nehmen, wie sie ist und sein möchte.
    „Shine on“ treibt noch mehr in diese experimentelle Richtung, in der Akustikgitarre und Synthies nur allzu gut harmonieren. Für meinen Geschmack ist der Effekt, der da über die Stimme gelegt wurde, aber etwas too much. Ich bevorzuge es dann doch, die Stimme etwas klarer und deutlicher herauszuhören.
    Obwohl mir „Sometimes“ musikalisch gesehen auch nicht so zusagt, weil es sich meiner Ansicht nach zu langsam und dafür aber auch mit zu geringer Intensität aufbaut, überzeugt es dafür mit seinem Text: „She said: Sometimes it’s better to leave a hole than to fix old wounds. Sometimes it’s better to keep your eyes closed beyond those roots. I tried to reach your hands, but you pushed me away from you and I tried to spread my wings, but you only kept me down.“
    „Here we are“ entfernt sich noch stärker von diesem Ville Valo-Gefühl und schafft etwas ganz Eigenes. Viel Synthie, irgendwie tanzbar und wieder ein Text, der zumindest bei mir ins tiefste Schwarz trifft: „You walk your own ways and leave me alone, there’s nothing for me i can do to get inside your mind.“
    „Airy (New Year’s Eve)“ entwickelt sich dann schon wieder mehr in die Richtung, die mir zu Beginn der EP so zugesagt hat. Als kleine Stimmenfanatikerin bin ich froh darüber, dass diese hier für die meiste Zeit die tragende Rolle des Songs übernimmt, wenn auch durch Backingvocals verstärkt.
    „Gravity“ bildet den Abschluss der EP und ist mir ehrlich gesagt dann irgendwie zu extraterrestrisch. Das Instrumental lädt zwar gut zum Herunterkommen ein, die Stimme ist mir jedoch einfach zu verzerrt. Doch selbst das fügt sich irgendwie ganz gut in da Gesamtbild der EP ein. Es passt einfach zur Band.

    Zwar versteht man nicht immer auf Anhieb, was Sänger Fabrice singt, da er ein wenig zum mystischen Nuscheln tendiert, aber irgendwie macht das den Sound von The Emma Project auch aus. Obwohl sie stellenweise an einige etablierte Künstler erinnern, wie beispielsweise an die Rock-Pop-Band The Calling, gehören sie meiner Ansicht nach zu den wenigen Bands, die für sich einen völlig eigenen Musikstil kreiert haben und damit aus der Masse hervorstechen. Klar gibt es viele Bands mit Synthie, aber bei The Emma Project ist es einfach etwas Anderes. Sie sind experimentierfreudig und facettenreich, ohne dabei plötzlich komplett wie eine völlig andere Band zu klingen.

    Wer auf anspruchsvollen Sound steht und gern viele liebevolle Kleinigkeiten aus Songs heraushört, der sollte sich The Emma Project ruhig einmal zu Gemüte führen.

    Anspieltipps: „Raindrops“, „Living in reverse“, „Here we are“

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