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    Rezension: Marathonmann – …Und wir vergessen was vor uns liegt

    Schallgefluester Monatsfavoriten Juli 12

    [dropcap]M[/dropcap]anchmal ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, wenn man etwas unsicher an ein Album herangeht, aus Angst, es wäre vielleicht zu schnell auf den Markt geworfen worden. So ein flaues Gefühl hatte Christin anfangs in den Magen, als sie „…Und wir vergessen was vor uns liegt“ von Marathonmann endlich in ihren Händen hielt.

    Das Album kommt in einem etwas ungewohnten Design daher – hat man sich erstmal für eine Version entschieden – ob Vinyl in einer von drei Farben, CD, Download, Packages in den verrücktesten Kombinationen – dann stutzt man eventuell zunächst ein wenig. Was will uns diese alte Frau mit diesem unglaublich starken Blick auf dem Cover nur sagen?
    Diese Dame symbolisiert die Zukunft, das was „vor uns liegt“. Sie ist vom Leben gezeichnet, hat die verschiedensten Wege eingeschlagen, Dinge richtig oder auch falsch gemacht. Menschen kennengelernt und verloren, war stolz auf so manche Entscheidungen und hat andere vielleicht bereut. Sie hat ihr Leben gelebt.

    Marathonmann - UWVWVUL
    Name … Und wir vergessen was vor uns liegt von Marathonmann
    Erschienen am 25.07.2014 via Century Media (Universal Music)
    Musikstil deutscher Post-Hardcore
    Spieldauer 50:03 min verteilt auf 15 Songs
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    zu erwerben via Amazon*, iTunes & Co.

    Der Opener des Albums dürfte dem Großteil der Fans auf jeden Fall schon ein Begriff sein. „Alles auf Null“ handelt vom Neuanfang. So wie mit Marathonmann – Sänger Michael Lettner beschreibt diesen als besonders prägnant – ein neuer Stil, deutsche Texte, eine größere Aufopferung für die Musik. Es ist viel passiert, leider auch so einige schlechte Erfahrungen. Dieser Titel hat so wie die Band bereits einen längeren Prozess mitgemacht, ist nach und nach gereift. Der Song hat etwas Plakatives – er geht direkt nach vorn und schreit förmlich „Hallo, hier sind wir! Hier sind Marathonmann!“.
    Hinter dem geheimnisvoll klingenden Titel „Onkalo“ verbirgt sich wohl der wichtigste Song des Albums. Dieser definiert das Grundthema der kompletten Platte. „Und wir vergessen, was vor uns liegt…“ Onkalo ist das finnische Wort für „Versteck“ und beschreibt einen Teil des Endlagers Olkuluoto vor der Westküste Finnlands. In diesem Teil sollen besonders hoch radioaktive Abfälle gelagert werden. Und wie ist das mit einem Endlager? Früher oder später wird dieses verschlossen und die Menschen werden dazu gedrängt, es einfach zu vergessen. Dass dieser eine gewaltige Gefahr in sich birgt, wird verdrängt. Und eine unserer Folgegenerationen wird die Folgen von Onkalo dann zu spüren bekommen. Und genau so ist es auch mit manchen Dingen im Leben. Man versucht, sie beiseite zu schieben, doch früher oder später fallen sie uns oder anderen Menschen doch wieder auf die Füße. Ein energetischer Track, der diese tiefe Message einfach nur grandios überbringt und zu Recht der Leitsong des Albums ist.
    Bei „Abschied“ handelt es sich um ein unglaublich emotionales und persönliches Lied, das bei jedem Repeat nur an Größe gewinnt und noch bewegender wird. Statt weinerlich über den Tod seines Großvaters zu singen, entschied sich Sänger und Bassist Michi dazu, an die schönen Zeiten mit ihm zu denken und diese musikalisch zu konservieren. „Du warst ein Held für mich, der stärkste Mann der Welt, der diese auf den Schultern trägt.“ Deswegen ist auch im Instrumental keine Spur von Trübsal zu erkennen, der Song geht nach vorn und bewegt auf seine ganz spezielle Art und Weise.
    Und so gibt es hinter jedem Song des Albums etwas zu entdecken. „Diese Hände“ beispielsweise ist ein fast schon punkig angehauchter Track, der ab der allerersten Sekunde zündet, ähnlich wie schon der Opener des Albums. „Sind diese großen starken Hände wirklich alles, was du hast?“
    Das Thema des Albums dreht sich viel darum, über seinen eigenen Schatten zu springen und nicht nur die negativen Dinge des Lebens zu sehen. Sei stark und kämpfe – so wie beispielsweise auch im äußerst energetischen „Neumondnacht“, „73162“ oder dem deutlich ruhigeren „Das Leben“.
    Gerade letzterer Song fällt aus dem üblichen Muster, weshalb er auch zu einem der drei Bonustitel zählt. Dieser Track sorgt für den absoluten Gänsehautfaktor und besticht durch seinen für Marathonmann sehr ungewohnten Sound. Zunächst spricht Michi die Worte zum Instrumental, ehe er im weiteren Verlauf des Songs auf eine sehr energetische und emotionale Weise schreit. Das geht unter die Haut. „Warum? Was ist bloß geblieben? Was blieb ungetan? Du wolltest nur leben…“ Auch wenn es schwer sein mag, trau dich und rücke mit der Wahrheit heraus. Schleppe kein noch so dunkles Geheimnis ewig mit dir herum, lasse nicht zu, dass dich etwas innerlich zerfrisst. „Der richtige Weg führt immer dahin, wo die Angst ist.“
    Ein weiteres Highlight ist eindeutig der Song „Rücklauf“. Dabei handelt es sich um einen dieser berühmt berüchtigten Songs, die nur so vor Power strotzen. Manchmal trennen sich die Wege zweier Menschen und es stellt sich die Frage, ob dieses Auseinanderleben von endgültiger Natur ist oder es in der Zukunft vielleicht wieder eine Chance geben wird. Anderenfalls bleiben zumindest die guten Erinnerungen an eine tolle gemeinsame Zeit. „Komm, drück die Taste, du kommst mir entgegen, mach die Augen zu, dann können wir’s nochmal von vorne leben.“
    Das Album endet mit einem Lied, dessen Aussage so gut auf die heutige Gesellschaft passt wie kein anderes. Wer kennt sie nicht, diese Menschen, die sich für etwas Besseres halten und durch ihre arrogante Art so viel kaputt machen, sich selbst und anderen Leuten schaden? Doch letztendlich fließt durch uns dasselbe Blut, wir sind alle irgendwo gleich. Es wäre nur schön, wenn das jeder von uns begreifen würde. Genau davon handelt „Gleichheiten“.

    Mit „… und wir vergessen was vor uns liegt“ haben Marathonmann meines Erachtens nach toll an ihr Debütalbum angeknüpft. Sie sind musikalisch und vor allem textlich unglaublich gereift. Die Münchener Band hat es nicht nötig, auf Krampf nur harte Musik zu machen.
    Wie auch schon „Holzschwert“ beinhaltet das Album sowohl absolute Kracher, als auch eher unauffälligere Songs. Mit einer gelungenen Mischung aus Wut, Euphorie und Melancholie ohne jeglichen Pathos stellt diese Platte definitiv einen würdigen Nachfolger dar, der sich in keinerlei Hinsicht vor ihrem älteren Geschwisterkind verstecken muss.

    Anspieltipps:
     „Onkalo“, „Abschied“, „Neumondnacht“, „Rücklauf“, „Das Leben“, „Gleichheiten“

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