Im Interview: FJØRT – Nichts, was gut ist, tat nicht vorher weh

Freitagnachmittag, genau eine Woche vor Release von „Couleur“, dem nunmehr dritten Studioalbum der Posthardcore-Combo FJØRT aus Aachen. Ich habe mich mit der Band in Köln getroffen, um über den Entstehungsprozess des Albums, ihre Wortwahl und gute Taten zu sprechen.

FJØRT. Credits: Andreas Hornoff
David, Chris und Frank (FJØRT) Credits: Andreas Hornoff

SG: Eine Woche vor Release des Albums „Couleur“*, wie geht es euch in diesem Stadium?

Chris: Es ist schon krass! Der Prozess von so einer Platte ist natürlich extrem langatmig und ich will nicht sagen anstrengend. Wir freuen uns jetzt halt echt wahnsinnig, dass halt endlich auch mal andere Leute diese Songs hören und Feedback geben. Das ist schon sehr spannend.

Frank: Es wird real! Sie ist wirklich da! Wir haben Platte und CD heute tatsächlich das erste Mal in der Hand und nächste Woche kommt sie offiziell raus.

David: ’s ist geil!

SG: „D’accord“ erschien Ende März 2014, “Kontakt” nicht ganz zwei Jahre später im Januar 2016 und nun habt ihr mit Release im November 2017 nochmal einen ganzen Zahn zugelegt… Wie habt ihr das denn gemacht?

David: Wir haben uns nach „Kontakt“ sehr viel Zeit gelassen, die Touren und die Festivalsaison gespielt und haben da gar nicht an anderen Songs herumgedoktort. Nach der zweiten Tour hat sich das dann im November so entwickelt, dass man langsam gedacht hat: „Ey, ich hab so Ideen.“
Also Textfragmente nimmst du immer mit. Das, was du aufsaugst, gesellschaftlich oder persönlich, das kannst du nicht stoppen. Das passiert ja immer und du machst dir deine Gedanken, du hast immer so Notizzettel, wo du irgendwas aufschreibst. Aber musikalisch halt nicht. Ende November, Anfang Dezember haben wir uns mal zusammengesetzt und dann ging es relativ schnell, dass wir irgendwie so Strukturen hatten, wo wir gesagt haben: „Ey, das ist für uns neu“ – und haben einfach mal so weiter gemacht und uns Termine für mehrere Tage am Stück gesetzt und dann lief das auch. Im April oder Mai haben wir dann ’ne Vorproduktion gemacht, das dem Grand Hotel geschickt und die haben gesagt: „Killer, lass uns das aufnehmen.“
Wir haben halt gedacht, das kommt dann 2018 irgendwann, aber es war alles so schnell beisammen und fertig, weil wir halt so viel Zeit hatten. Wenn du dich ein halbes Jahr lang nur mit Songs befassen musst, ohne groß live zu spielen, dann reicht das auch. Da waren genügend Wut und Frust da. Dann war dat Ding irgendwann so fertig, dass man ins Studio gehen konnte und da passiert ja dann auch nochmal was. Ende Mai haben wir’s aufgenommen, es kamen noch Mischen, Mastern und der ganze Krempel (grinst) und jetzt ist es da!

SG: Sportlich sportlich auf jeden Fall!

David: Ja, aber nicht forciert. Es gibt ja auch so manche Bands, die sagen, es muss jetzt ’ne neue Platte kommen. Verkauf hier, Verkauf da, Verkauf dort – das interessiert uns ’nen Scheißdreck. Die Platte war so in sich bündig, dass wir halt gesagt haben, die kann jetzt raus oder wir lassen die halt noch ’n Jahr liegen. Aber ich glaub nicht, dass sich in ’nem Jahr dann noch viel bewegt hätte als das, was inhaltlich auf der Platte so passiert ist. Und das Grand Hotel hätte ja auch sagen können „Komm, wir wollen noch viele Kontakts verkaufen, lass uns nochmal sieben Touren mit der Platte machen, da haben wir noch ’n paar im Lager liegen.“ (alle lachen) Aber das ist ja so ein grandioses Killer-Label, die sagen ja einfach nur: „Ey Leute, geile Platte, wir wollen das so veröffentlichen!“ Das haben ja auch nicht viele. Ey, wat de da manchmal für Horrorstorys von anderen Bands hörst, ist echt ’ne Katastrophe.

FJØRT

SG: Wenn ich an FJØRT denke, denke ich an großen Interpretationsspielraum in Bezug auf die Lyrics. Schaut man sich jetzt aber „Raison“ oder „Windschief“ an, wird’s doch deutlicher als sonst. Wie kam es dazu?

Chris: „Raison“ und „Windschief“ sind eigentlich auch nochmal zwei unterschiedliche Geschichten. „Windschief“ wirkt auf den ersten Blick anders als der Song eigentlich gemeint ist. Von daher würde ich eigentlich schon als relativ passend in diesen bisherigen FJØRT-Vibe einordnen, dass man das Ding halt schon umdrehen und nochmal von hinten angucken muss, um vielleicht da mehr zu entdecken als du auf den ersten Blick siehst. Aber wenn wir über was schreiben, dann schreiben wir über Sachen, die uns frusten. Wir möchten grundsätzlich eigentlich nie Leuten sagen, was sie zu denken haben, möchten nicht missionieren und irgendwie Lebenswege vorschreiben. Aber es gibt dann halt einfach bestimmte Themen, die klare Worte erfordern und das ist halt einfach dieser zum Beispiel in „Raison“ besungene neue aufkeimende und leider sehr stark vertretene Fremdenhass in diesem Land.

David: Ich glaube auch, du meinst vor allem, dass die Wortwahl in beiden Songs weniger kryptisch ist. Manchmal sträubt man sich davor und sagt: „Sind die Wörter künstlerisch ausschmückend genug gewählt?“ Das ist ja oftmals so, darin verliert man sich aber auch sehr schnell. Es ist viel weniger wie auf „Kontakt“, also dieses lyrische noch ’ne Ebene tiefer, noch ne Ebene verschachteln, sondern einfach so Punchlines bringen, wie wa das halt sehen. Das ist an mehreren Stellen so passiert. Aber auch nicht forciert, dass wir gesagt haben, wir müssen das so. Als Chris so den Text von „Windschief“ angebracht hat, hat er mich so niedergefegt. Als ich den das erste Mal gehört hab, hab ich gedacht: ‚Huh, ist das ’n Lovesong oder so?‘ (allgemeines Gelächter), aber als ich dann jedes Wort verstanden hab, hat jedes Bild so Sinn ergeben. Das war bei „Raison“ genau so. Da waren halt nur Bilder im Kopf, die ganz klar beschrieben werden sollten und mussten. Wär‘ schön gewesen, wenn so einer nid auf der Platte sein müsste, aber dit is wichtiger als alles denn je, leider.

SG: Ich fand es tatsächlich auch „erfrischend“ in einer schrägen Hinsicht, dass ihr da auch mal so klar werdet.
Im Gegensatz dazu nutzt ihr oft eine sehr sehr lyrische Sprache. Seid ihr einfach total belesene Menschen oder wie kommt ihr immer wieder auf diese doch sehr speziellen Wörter?

Chris: Wenn du Texte schreibst, dann versuchst du ja immer, eine ganz bestimmte Sache auf den Punkt zu bringen. Manchmal schreibst du dann ’nen Satz hin und der sagt auch irgendwas aus, aber du hast das Gefühl, das Wort trifft es nicht und irgendwie fehlt da was. Wir sind jetzt nicht die belesensten Menschen der Welt, sondern wir schreiben halt immer und zu jedem Zeitpunkt auch Sachen auf, wenn uns mal was einfällt. Und dazu gehören halt auch so Dinge wie eingedeutschte französische Wörter wie etwa „Couleur“, die so ’nen schönen doppelten Boden haben. Die sind zwar irgendwie fremd und nicht im täglichen Sprech drin, man lässt so ein Wort aber vielleicht einmal im Jahr irgendwo fallen. Es fasst einfach auch sehr schön so ein paar Dinge in einem Wort zusammen. Und so ist es bei vielen Texten, dass du davor sitzt und denkst: ‚Ey, das ist es nicht.‘ Dann musst du vielleicht auch manchmal Wörter benutzen, die erstmal gar nicht so ersichtlich sind, weil die früher vielleicht mehr benutzt wurden und heute nicht mehr. So spickt man sich halt die Texte zusammen bis man das Gefühl hat, jetzt ist es genau das, was ich sagen wollte.

David: Und Texten ist und bleibt ja auch immer Reduktion. Du willst ja so viel sagen und du hast in ’nem Text nur – blöd gesagt – so und so viele Zeichen. Irgendwann ist ja die Musik mal vorbei. Und du kannst ja auch nicht so schnell rappen wie Macklemore. Das bedeutet also immer wieder Reduzieren, Reduzieren, Reduzieren, aber den Kern dessen, was du sagen willst, nicht verlieren. Und dann suchst du solche Wörter, um halt das, was so groß ist für dich, am besten möglichst kompakt beschreiben zu können. Das machst du permanent in Texten. Dat is kein Ding, was wir wie beim Roman das runtertippen. Manche Lyrics gehen schon sehr schnell. Aber bei anderen lässt du’s am besten mal zwei Tage oder vielleicht sogar ’ne Woche liegen bis du es nochmal anpackst. Weil du ja weißt, was du sagen willst, aber diesen Trichter einfach noch nicht gebaut kriegst.

SG: Ich bin bei euch ja zum Beispiel immer beim Wort „majestätisch“ hängen geblieben und dachte mir jedes Mal: Whoaah, das ist so ein starkes Wort, das macht mich irgendwie total glücklich.

(allgemeines Grinsen)

David: Du nennst halt ein Wort und was assoziierst du damit? Es sind hundert Sachen, die dir dann dazu einfallen und die du dann verbinden kannst. Das kannst du mit ’nem schwächeren Wort einfach nicht darstellen. Wenn du einfach anstatt „majestätisch“ etwas wie „schön“ oder so genommen hättest – was hast du für ’ne Assoziation mit „schön“? ‚Ne sehr kleine. So’n stärkeres Wort holt halt mehr aus dir raus. Und wenn’s dann auch noch gut klingt und man es geil singen kann, dann ist’s cool und im Text.

SG: Wir sind eben schon mal kurz drauf gekommen – „Couleur“, „Magnifique“, „Raison“ – habt Ihr abgesehen von den Bedeutungsebenen noch einen Bezug zur französischen Sprache?

Chris: Französisch ist phonetisch sehr schön. Das ist ’ne wohlklingende Sprache und das steht in so ’nem sehr schönen krassen Kontrast zu dem, wie wir das halt in den Texten in unterbringen. Das geschieht ja in ’nem völlig anderen Kontext, der eigentlich nicht schön ist und auch kein Wohlgefühl erzeugen soll und stellt die ursprüngliche Bedeutung auf den Kopf. Da es sehr viele eingedeutschte Wörter gibt, macht es sehr viel Spaß, mit der Erwartung an solche Wörter zu spielen.

SG: Da kann ich das Album glatt nochmal anders sehen. (lacht)

David: Und das ist bei uns auch so’n bisschen Belgique, ne? Wir wohnen ja direkt im Dreiländereck und im Öcher Platt [Dialekt der alteingesessenen Aachener] ist aufgrund der damaligen Belagerung auch viel aus dem Französischen eingedeutscht. Ich glaub, vielleicht kommt’s auch so’n bisschen daher.

SG: Auf „Couleur“ plädiert ihr ja viel für die zwischenmenschliche Kommunikation unter Freunden wie auch mit Leuten mit anderen Ansichten. Ich hab für mich aber leider festgestellt, dass ich es mittlerweile echt leid geworden bin, immer wieder gegen eine Wand zu diskutieren. Habt ihr da irgendein Geheimrezept, um nicht einfach aufzugeben?

David: Ich kenn das, was du ansprichst, ich kenn das wirklich. Man kann sich auch vor allem nachts und sehr betrunken am WG-Küchentisch totdiskutieren. Man darf das meiner Meinung nach aber nie aufhören, weil das eine Sache ist, die uns als Menschen eben ausmacht. Das heißt, wir können miteinander reden und wir können mit guten Argumenten Für oder Wider vielleicht auch Andere von einer anderen Sichtweise überzeugen. Man muss auf jeden Fall miteinander reden und darf nicht sagen „ich bin’s leid, also mir ist das zu anstrengend.“ Wenn das passiert, dann überlässt man denen, die lauter brüllen, einfach das Feld.
Man kann in manchen Diskussionen sehr gut zum Punkt kommen. Es gibt ja auch Diskussionen über Themen, die nicht wirklich tiefgreifend sind. Da kann man auch einfach respektvoll auseinander gehen, was ja auch für beide cool ist. Wo wir halt nur nicht müde werden dürfen zu diskutieren und uns wirklich dagegen zu erheben, ist wenn Menschen ungleich behandelt werden. Das ist so absoluter Grundsatz, den wir auch einfach immer nur jedem auf den Weg geben können. Und wenn jeder die eigentlich ganz einfache Grundregel beachten würde, dass das Miteinander im Vordergrund steht und nicht man selbst, dann hätten wir keine Probleme hier.
Das Problem ist immer nur, dass unsere Gesellschaft sehr auf das Ego fixiert ist (allgemeine Zustimmung) und immer weiter fixiert wird. Das geht bei Facebook- und Instagramprofilen los. Ich bin was, wenn ich was darstelle. Das wird immer mehr. Und weil das so unfassbar anstrengend ist, sich den ganzen Tag darzustellen, verliert man Zeit, um mal nach rechts und links zu gucken und zu sehen: Okay, denen geht’s halt vielleicht nicht so gut. Oder blöd gesagt: Wenn ich an der Supermarktkasse stehe und nur checke, was so gerade im Netz abgeht, dann seh ich nicht, dass die alte Dame hinter mir fast zusammenbricht und mit dem Rollator vielleicht nach vorne könnte. Und ich glaub, das wird sich noch verschlimmern. Nur man muss es benennen. Weil wenn man’s dann in so einer Diskussion tut, dann kommt auch relativ schnell so das Feedback: „Ey hast Recht, ist so!“
Werd nicht müde! Das ist super anstrengend, ich weiß das… wie Kettcar es im „Sommer 89“ beschreiben, wo der Typ in der Diskussion aufsteht und geht. Dann lass se halt labern, aber er macht es wenigstens anders. In solchen Situationen kann man auch einfach mal gehen.

SG: Schöne Referenz gerade auch so mit Kettcar. So ein wundervoller Song einfach.

David: Ja, ist so! Ist geil. Durch die dritte Strophe ’n absoluter Tophit.

SG: Ich hab so ein bisschen gestöbert und bin auf folgendes Zitat gestoßen: „Nichts, was gut ist, tat nicht vorher weh“.

Band: (scherzt) Geeeile Zeile, ist die von uns?

SG: Gab es solche Situationen in irgendeiner Hinsicht mal bei der Band?

David: Joa, auf vielen Touren…

Chris: Diese Zeile beschreibt schon fast so ’ne Art Lebenseinstellung. Du kannst eigentlich viel mehr als du denkst. Alles, was du erreichen möchtest – und es kann dabei um ein jegliches Thema gehen – kannst du packen, aber es wird halt weh tun. Und das ist glaub ich so ne Sache, die sehr sehr grundlegend einfach so ’n Mantra sein kann, wo man sich selbst manchmal dran erinnern muss. Dass du halt irgendwie weiter schaust als „Ich pack’s hier nicht, das ist mir alles zu viel, dat is mir zu anstrengend“ Du weißt irgendwie, dass es sich lohnt, vielleicht auch an manchen Ecken bisschen über sich hinaus zu wachsen, sich ’n bisschen zu quälen, bei was auch immer. Es muss nicht einmal unbedingt Musik sein. Es wird erstmal weh tun, aber du weißt halt danach auch, warum und wofür. Das ist so das Ding mit dieser Zeile.

David: Wir hatten jetzt nicht sonderlich groß Kontakte, als wir angefangen haben, Mucke zu machen. Wir haben selber DIY-mäßig gebucht und das war alles ’ne super intensive Zeit. Dadurch, dass wir diese ersten Touren hatten, wo Veranstalter echt Welten bewegt haben und dann drei Leute kamen und es halt einfach nix anderes gab als dass man sich dann halt irgendwo nachts fernab eines vernünftigen Betts zusammenkauert, war das ’ne harte Zeit. Aber keiner von uns hat irgendwie gedacht: ‚Ey nö, ist mir zu viel gerade.‘ Wir wussten halt, uns ist die Musik ist sehr wichtig. Interessiert sich keiner für den Scheiß? Völlig in Ordnung. Aber wir wollen halt spielen, weil uns das so wichtig ist. Dann haben wir drei Jahre auf die Zähne gebissen und irgendwann war’s dann so, dass man mal sagen konnte, man hat vier T-Shirts verkauft und dann kann man sich auch mal ’n Hostel buchen oder so. Und dann kam das halt so alles peu a peu.
Aber du musst halt auf die Zähne beißen, wenn du etwas erreichen willst. Vor allem etwas selber erreichen. Sich bei ’ner Versicherung zu bewerben und da ’ne Ausbildung zu machen, ist glaub ich, nich soo schwer. Und dann bist du halt im Hamsterrad und arbeitest und hast auch deine Kohle, kannst dir ’nen Fernseher und die PlayStation besorgen, alles cool, läuft so. Aber du musstest halt nie wirklich so richtig hart dran arbeiten. Viele haben ja so ’nen Traum, wollen segeln oder ’n Bild malen (allgemeines Grinsen) oder irgendwas – aber dafür musst du halt was tun. Bei ’nem Profifußballer in der Champions League kannst du mir nicht erzählen, dass der morgens aufsteht und sagt „ich hab jetzt Bock, 20 Kilometer zu laufen“. Der muss es halt machen, damit der dann durchhält. Und ich glaube, das denken noch so viele. Viele denken: ‚Boah, der macht was total Geiles und der kann das, das ist dem eh von oben herab geflogen.‘ Zufliegen tut einem das wenig (allgemeine Zustimmung der Anderen). Im Hintergrund wird sehr viel gearbeitet an dem, was man dann sein will und dafür musst du halt ’nen langen Atem haben. Und Aufgeben ist immer leichter, ist super easy, ist ja auch geil heute. Wenn du aufgeben willst, kaufst’e dir wirklich ’ne PlayStation und machst dir ’nen Netflix Account (allgemeines Schmunzeln). Du wirst ja berieselt, brauchst heutzutage nichts mehr zu tun, legst dich zu Hause hin, ist doch geil. Viele haben da noch nicht so ihr Ding gefunden und werden dann peu a peu total unglücklich. Und wenn alles scheiße ist mit einem selbst, dann sind die Anderen halt schuld. Dit is so.
Wenn ich jetzt Bock hab, ’ne Grafikagentur zu gründen, obwohl ich nicht malen kann, kann ich es aber trotzdem probieren. Es kostet mich nur unfassbar viel Kraft dann. Deswegen tut alles so’n bisschen weh im Sinne einer Anstrengung. Also es muss sich keiner aufritzen oder irgendwie die Halsschlagader durchballern. (allgemeines Grinsen)

SG: Das würde ich bei euch eh nie so interpretieren. Aber ich kenne das. Manchmal kommen Leute auf mich zu und beneiden mich um die Sache mit dem Blog. Dann denke ich mir: ‚Ja das könntet ihr doch auch, wenn ihr es wirklich wollt?!‘

David: Du hast ja auch von null gestartet. Oder war da irgendeiner, der dir gesagt hat „Ey mach dat so, hier ist mein Account und übernimm den“? Viele haben Bock drauf und wollen ein laufendes Unternehmen – einfach da rein und ich sitz im gemachten Nest. Ist aber nicht so geil. Es kann super laufen, du kannst auch mal richtig Geld damit verdienen und zehn Leute beschäftigen und denkst trotzdem an die ersten Tage zurück. Wir denken auch an unsere ersten Touren zurück (Zustimmung) und das wird immer so sein.

FJØRT

SG: (bemerkt ein Tattoo in Blindenschrift an Franks Arm… ) Seh ich da ein Tattoo am Handgelenk?

David: Der Frank hat keine Tätowierungen, das haben wir ihm eben mit dem Kulli reingehauen! (alle lachen)

SG: Ich würd das ja tatsächlich gern nachfühlen….

Frank: Mein Tätowierer hat tatsächlich gefragt, ob er dat so machen soll, dass er das schön vernarbt. Da hab ich so gesagt „Neeeein…“

SG: Mich würde mal im Allgemeinen interessieren – wisst ihr von vielen FJØRT-spezifischen Tattoos?

David: Wie war das letzte noch? Von Belvedere?

Chris: Ja genau, stimmt! Hab ich letztens erst gesehen!

David: Sah richtig gut aus! Ich glaub, es war ’n Mädel. So vorn am Bein hat sie „Kapitän Kapitulation“ stehen. Das sah echt gut aus.

Frank: Also ein paar Sachen kriegt man mit.

David: Ja, manchmal kriegt man das so mit. Ist voll geil! Es ist totale Ehrerbietung, wenn man sich dann so hart damit identifiziert, dass man sagen kann: Okay, ich möcht’s mit mir rumtragen und dann lässt man sich so ein Zitat in die Haut rammen. (allgemeine Zustimmung)

SG: Der Song „Karat“ beschäftigt sich ja mit dem Gedanken eines Flugzeugabsturzes. Mal etwas anders gefragt: Wenn ihr noch 24 Stunden zu leben hättet, wie würdet ihr die verbringen?

David: Boah, das ist krass…

Chris: Das ist echt ne krasse Frage!

David: Ich glaub, das ist ’ne ganz andere Herangehensweise an „Karat“. Ich würde glaub ich viel Zeit mit den Dudies in meinem Leben verbringen, die mich schon super lange begleiten.

Chris: Du würdest alle anrufen, kommt mal rum…

David: Genau! Großes Fass aufmachen und dann eine gute Zeit haben. Bei „Karat“ ist es ja ’ne andere Momentaufnahme. Es passiert irgendetwas, wo keiner von uns Bock drauf hat. Aber wie viele Menschen im Leben haben das, was wir jetzt hier hatten, ob nun privat oder musikalisch? Wir würden noch super gerne sehr lange Mucke machen, noch andere Ziele im Leben verwirklichen, aber es ist gerade mal alles gut und man kann auch mal so die Zäsur machen. Mit dem, wie man musikalisch und persönlich unterwegs ist, ist das gerade zufriedenstellend. Weiter gehen kann’s. Wenn’s nicht weiter geht, dann ist’s scheiße. Aber wir würden glaub ich nicht sagen, wir haben irgendwas falsch gemacht oder verpasst (Zustimmung der Anderen) oder hätten etwas machen sollen. Wir schieben halt nichts auf. Keiner von uns hat ’nen Plan, was er in zehn Jahren machen will. Ich glaub, das ist immer so ’ne gesunde Herangehensweise: Viele machen immer so ’nen Plan und wenn wir was machen, machen wir’s halt direkt.

FJØRT

SG: Was wollt ihr der Welt gern noch mitteilen?

David: Nehmt keine Drogen! (alle lachen) Kauft keine Drogen!

Chris: Klaut die!

David: Werdet Rockstars, dann kriegt ihr die umsonst! (alle lachen) Nee, wo war das in dem Film? Total geil, da gibt’s so ’nen Film, so ’ne Liebesschnulze.
Hast du was der Welt mitzuteilen, Chris? Da müsstest du in die Politik gehen!

Chris: Das ist auch so viel eigentlich.

Frank: „Alle schmeißen, keiner fängt!“ Hab ich gestern auf ’ner Toilette gelesen, fand ich ziemlich gut.

David: Also also so grundsätzlich ist es an der Zeit, so’n bisschen besser miteinander umzugehen.

Chris: Ja das klingt immer so pathetisch…

David: Das klingt so pathetisch, aber es ist so leicht.

Frank: Ernsthaft, geht n bisschen mehr aufeinander zu und achtet einfach ’n bisschen mehr aufeinander!

David: Der Frank ist immer sehr nett beim Bäcker. Also ich glaub, wir sind alle sehr nett beim Bäcker zur Bäckereifachangestellten.

Frank: Du wirst doof angeguckt, wenn du freundlich bist. Und das ist echt ’n Problem. Wenn du freundlich bist, denken die Menschen, du bist aufgesetzt, (allgemeine Zustimmung), du bist komisch, du bist anders, du bist gerade irgendwie aus der Klapse entsprungen oder sonst was. Aber mir ist das aufgefallen, wenn ich freundlich bin – und das bin ich gerne, weil das vollkommen umsonst ist (hebt seine Stimme) und soo einfach.

David: Und weil sie ja ’nen geilen Job macht in der Bäckerei. Die steht da acht Stunden, um dir ’n Brötchen zu geben.

Frank: Ja, die steht da rum und gibt mir ’n Brötchen, ich freu mich über’s Brötchen – ist doch geil! Wie toll, dass ich das kaufen kann! Und du wirst doof angeguckt in der Supermarktschlange oder sonst wo, wenn du einfach freundlich bist und auf dein Gegenüber oder dein Nebendir achtest und das ist schade.

David: Ich sag ja jetzt keinem, du musst dich jetzt in ’ner NGO anmelden und irgendwie was machen, was geil wär. Du kannst die Welt mit kleinen Steps – das hört sich jetzt wirklich total pathetisch an – ’n Stückchen besser machen, das ist soo geil.
Ich war in Hamburg beim Reeperbahn Festival und dann wollte ich mir’n Ticket kaufen. Dann ist’n Dudie zu mir gekommen, der hat gesehen, dass ich am Ticketautomaten nicht wusste, wo ich drauf drücken soll. Er fragte „Brauchst du ne Fahrkarte?“ und ich so „Yo“ und er antwortete: „Ich hab hier eine am Start, ich brauch die nicht mehr heute“. Das war so’n Ticket für ganz Hamburg. Und jetzt sitzen wir hier im Interview und ich kann mich dran erinnern. Das heißt, sowas passiert nicht jeden Tag und sowas wär doch so easy. Also so in kleinen Steps einfach mal zu sagen: „Ey, ich brauch‘ das nicht mehr, brauchst du das?“

Chris: Du musst nicht in die Politik gehen, du musst im Kleinen mit sowas anfangen. Das sind die Sachen, die hängen bleiben und die wirklich sehr sehr auffallen, wie auch Frank schon sagte, und den Leuten den Tag einfach in ’ne andere Richtung lenken.

David: Für mich war’s so außergewöhnlich, dass mir jemand ein Ticket schenkt, was er nicht mehr braucht. Und das ist doch genau der Grundsatz. Er hat mich auch dazu gebracht – und Hose runter – da hätte ich selbst nie dran gedacht. Als ich das Ticket nicht mehr gebraucht hab, hab ich’s weitergegeben.

Chris: Et tut nich weh!

David: Et tut nicht weh und macht dich selber noch glücklicher (Zustimmung) Der Typ hatte bestimmt ’nen geilen Tag und ich halt auch und die Bahn ’nen schlechten. (allgemeines Lachen)

Chris: Dabei merkst du, wenn du halt einmal diesen Step gehst auch wenn du vielleicht ’ne schüchterne Person bist oder so, wie die Schranken so aufgehen und wie das im Rückblick nur positiv ist.

David: Jeder Mensch möchte von Natur aus eigentlich aufgeschlossen sein und keiner will sich ja so zuziehen. Guck dir mal an, wie Indianerstämme funktionieren. Ohne das Fass jetzt aufzumachen, das ist ’ne ganz andere Herangehensweise dort.

Frank: Das hat ja noch nicht mal mit irgend’ner Religiösität oder irgendwas zu tun, von wegen, du sammelst jetzt Karmapunkte und deswegen musst du nett sein. Einfach so machen, weil einfach ein gutes Gefühl ist. Es ist so easy!

SG: Und das von ’ner Band, die sonst so viele negative Sachen zu sagen hat.

David: Ja deswegen ja.

SG: … ihr habt also noch ’nen positiven Kern.

(alle lachen)

Tini Schallgefluester meets FJØRT
v.l.n.r.: Tini, Frank, David & Chris. Selfiearm: David Frings

Informationen zum Interview

Das Interview mit Frank, David & Chris (FJØRT) fand am 10. November 2017 in Köln statt.
Interview/Transkription/Reinschrift:
Tini

tini
tini

Medienstudentin und Software-Testerin in NRW. Fotografiert erst seit August 2014, dafür aber mit voller Leidenschaft. Canon EOS 700D* mit Canon 50mm 1.4* samt original Canon GeLi* & Canon 24mm 2.8*

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Schallgefluester

Livemusik und Bühnennebel. Der Stoff, aus dem Konzerte sind. Genau diesen Phänomenen widmet sich Schallgefluester - dein Musikblog mit Herz und Seele statt kopfloser Massenproduktion. Von Adam Angst bis Die XYZ - hier wird musikalische Vielfalt groß geschrieben. Von Konzertfotos und Berichten bis hin zu Interviews, Rezensionenund Ankündigungen - ich widme mich kleinen und größeren Künstlern und deren Musik. Ob Geheimtipp wie Farben/Schwarz und END oder großer Fisch wie Thees Uhlmann, Jan Delay oder Sleeping With Sirens - für mich zählt die Leidenschaft an der Musik.

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