Rezension: EMMA6 – Wir waren nie hier

Die Wartezeit hat ein Ende. „Wir waren nie hier“, das mittlerweile dritte Album von EMMA6, hat heute das Licht der Welt erblickt.

Als regelmäßige Leser unseres Blogs habt Ihr es eventuell bereits erahnen können. EMMA6 sind für Schallgefluester eine ganz besondere Band. Ohne die drei Heinsberger würde es uns als Duo und den Blog in dieser Form mit großer Wahrscheinlichkeit nämlich überhaupt nicht geben.
Umso schöner also der Moment, als wir extra bis kurz nach Mitternacht zusammen saßen, um pünktlich am Releasetag das erste Mal in die neue Platte hineinzuhören.

Fakten: EMMA6 – Wir waren nie hier

EMMA6 Wir waren nie hier
Name Wir waren nie hier von EMMA6
Erschienen am 03.03.2017 via Ferryhouse Productions
Musikstil Indie-Pop
Spieldauer 39:20 min verteilt auf 10 Songs
Weitere Infos Facebook Webseite Schallgefluester Dreimillionen 7 Schallgefluester 
zu erwerben via Amazon*, iTunes und Co.

Äußere Werte: EMMA6 – Wir waren nie hier

Optisch scheiden sich bei uns die Geister. Während ich das aktuelle Bildkonzept von EMMA6 als etwas zu aufgesetzt auf alt getrimmt und nostalgisch empfinde, hat Karolin großen Spaß am Coverbild von „Wir waren nie hier“. Nett gemacht ist es auf jeden Fall und es gibt bei jedem Blick auf das Foto irgendwie immer wieder etwas Neues zu entdecken. So ein richtiges kleines Wimmelbild eben. Und Catcontent zieht ja eh immer, das haben EMMA6 anno 2017 auch begriffen.

Innere Werte: EMMA6 – Wir waren nie hier

Vorweg gibt es eine Sache zu sagen: Durch unsere vergangenen EMMA6-Konzerte im Jahr 2016, etwa in Düsseldorf oder Aachen, sind uns die neuen Songs an sich nicht mehr komplett fremd. So wussten wir bereits im Vorfeld, worauf wir uns schon ungefähr freuen können.

Im Allgemeinen fiel bereits durch die Vorab-Veröffentlichungen von „Lemminge“, „Das Haus mit dem Basketballkorb“ und „Kapitulieren“ eine deutliche Entwicklung auf: Während das Debüt „Soundtrack für dieses Jahr“ noch eher jugendlich daherkam und einen DER Soundtracks sämtlicher Abschlussklassen der deutschsprachigen Länder hervorbrachte, wurden EMMA6 mit „Passen“ vom Musikalischen und Textlichen her gesehen schon deutlich nachdenklicher und reifer, das Album zugleich aber musikalisch auch eher synthielastig. Mit „Wir waren nie hier“ sind die 3+1 Musiker nun im Erwachsenenleben angekommen. Die deutlich reifere Sicht wird von den persönlichen Themen nun auch mehr in Richtung Welt gerichtet und der musikalische Rahmen besinnt sich wieder zurück auf die wesentlichen handgemachten Dinge, ohne dabei jedoch an Kraft zu verlieren.

Neben den also nun bereits bekannten Tracks beschreibt das gitarrenlastige und rhythmisch sehr treibende „10 Jahre“ die persönliche menschliche Entwicklung auf etwas andere Weise.

Das Leben ist so schön wie es weh tut.

Das bereits aufgekommene Tempo bleibt auch bei „Lichtungen“ erhalten, welches nahezu poetisch-philosophische Züge und meinen über die Jahre so heiß ersehnten gesellschaftskritischen Gedanken annimmt:

Je kleiner der Horizont,
desto größer, glauben wir,
sind wir selbst.

Bei Track Nummer fünf handelt es sich um mein ganz bestimmtes Herzstück, ja eine meiner größten Lieben aus all den Jahren der Bandgeschichte von EMMA6. „Der Elefant“ ist ein überaus metaphorischer Song, der es faustdick hinter den großen grauen Ohren hat. In meiner Familie hat er bereits in den vergangenen Monaten für eine riesige Diskussion gesorgt.
Was ist das für eine Welt, in der wir gerade leben? Der Song ruft zum Meinung sagen und Handeln auf, nicht jedoch, ohne klar darauf zu verweisen, dass es nicht nötig ist, sich bei all den vielen Gemeinsamkeiten aller Zweibeiner auf der Welt untereinander zu hassen.

Einer muss ja, deshalb sei dagegen
Immer dafür zu sein, denn einer muss ja
Und du bleibst nicht allein
Denn wir alle können ja frei entscheiden
Ob wir aufsteh’n oder sitzen bleiben
Ob wir drauf zugehen oder meiden
Ob wir Ketten schmieden oder Ketten schneiden
Ob wir verteufeln oder verzeihen
Ob wir uns gleichen oder unterscheiden
Ob wir sind oder scheinen
Und die Moral von der Geschichte war:
Laufe gegen den Strom, gegen die Wand
hab‘ nicht mehr alle Tassen im Schrank
du darfst nie im Gleichschritt geh’n, unerkannt
sei in diesem Porzellanladen der Elefant.

Meine ganz persönliche niedlich daherkommende Entdeckung: Ausgerechnet in diesem Song fällt mir der gekonnte Einsatz von Bläsern besonders positiv auf. Törö?

Der nachfolgende Track „Pokale“ kommt auch eher ruhiger daher und überrascht auf mehreren Ebenen. Klang der Titel allein und die Tatsache der Benennung nach einer bandeigenen Spotify-Playlist so durchweg positiv, macht mich der Song nun doch eher traurig.

Ohne dich kann ich weitergehen
doch ich weiß nicht für wen

„Pokale“ klingt zwar einerseits nach absolut beneidenswerter Liebe und Hingabe, andererseits aber eben auch nach ungesunder Selbstaufgabe. So sehr mich der Titel nun hin und her reißt – insgesamt beeindruckt er mich zutiefst, was sicher nicht zuletzt an dem wundervoll eingesetzten Instrumental liegt, das dem Track irgendwie noch einmal einen gewissen Schwung gibt.

Auch mit „Regen“ greifen EMMA6 wieder tief in die metaphorische Trickkiste – zum Teil so tief, dass ich ahnungslos und doch zugleich fasziniert im Zimmer hocke und mich frage, was wohl hinter diesen Gedankengängen eines Peter Trevisan so stecken mag. Der extrem eingängige Refrain macht es schließlich komplett unmöglich, sich dem Song zu entziehen.

Ein weiterer Neuling in der Runde hört auf den Namen „Dawson City“ und fällt meiner Meinung nach zumindest auf den ersten Blick am stärksten aus dem Fluss der Albums heraus. Country-Pop-Rock-Atmosphäre trifft auf eine eine darauf zum Teil stark angepasste Bildsprache. Doch obwohl ich mich musikalisch noch immer ein wenig hineinhören muss, trifft der Text in seiner Gesamtheit den Nagel wieder einmal direkt auf den Kopf. „Dawson City“ ist an sich eigentlich eine ziemlich schöne Animation zum Weitermachen.

„Wir waren nie hier“ fungiert als Namensgeber und Schlusswort des Albums. Zu schade, dass es nun ausgerechnet der Titel sein muss, in dem ich mich unfassbar an einer Phrase störe. Immer wieder muss ich den Track neu starten, um mich auch auf den restlichen Inhalt konzentrieren zu können. Aber he, Karo geht’s genauso.

Wir war’n nie hier
Das ist jemand And’res gewesen

Was allerdings ganz schön an diesem eher an das Album „Passen“ erinnernden Track: kurz vor dem gefühlten Ende baut er sich zunächst noch einmal mit Bläsern und anschließend sogar mit einem choralen Gesang auf und hinterlässt dadurch am Ende trotz des eher traurigen Textes irgendwie doch noch ein gutes Gefühl.

Fazit: EMMA6 – Wir waren nie hier

Ausdrucksstarke Instrumentale und weitsichtige Texte – EMMA6 sind mit „Wir waren nie hier“ endgültig im Erwachsenenleben angekommen. Ihr mittlerweile drittes Album besticht durch seine Motivation zur Selbst- und Fremdreflexion und ist zweifelsohne ein riesiger Zugewinn für die deutsche Musiklandschaft. Anhören und Kaufen dringend empfohlen.

Anspieltipps: Der Elefant, Pokale, Regen

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: EMMA6 gehen im Rahmen ihrer Album-Release natürlich auch auf Tour. Die Daten gibt’s in unserer Tour-Ankündigung zu sehen.

tini
tini

Medienstudentin und Software-Testerin in NRW. Fotografiert erst seit August 2014, dafür aber mit voller Leidenschaft. Canon EOS 700D* mit Canon 50mm 1.4* samt original Canon GeLi* & Canon 24mm 2.8*

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Schallgefluester

Livemusik und Bühnennebel. Der Stoff, aus dem Konzerte sind. Genau diesen Phänomenen widmet sich Schallgefluester - dein Musikblog mit Herz und Seele statt kopfloser Massenproduktion. Von Adam Angst bis Die XYZ - hier wird musikalische Vielfalt groß geschrieben. Von Konzertfotos und Berichten bis hin zu Interviews, Rezensionenund Ankündigungen - ich widme mich kleinen und größeren Künstlern und deren Musik. Ob Geheimtipp wie Farben/Schwarz und END oder großer Fisch wie Thees Uhlmann, Jan Delay oder Sleeping With Sirens - für mich zählt die Leidenschaft an der Musik.

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