Rezension: EMMA6 – Passen

Heute werdet Ihr Zeugen eines ganz besonderen Naturschauspiels: Tini entschuldigt sich bei Passen von EMMA6, da sie dem Album lange Unrecht getan hat.

EMMA6 Sommerklänge unter den Linden | Foto: Christin Meyer / Schallgefluester

Liebes Passen,

wir müssen reden.
Ich möchte mich nach all der langen Zeit von Herzen bei dir entschuldigen.
Als du als Zweitgeborenes von EMMA6 damals das Licht des Musikmarktes erblicktest, sprachen einfach alle Umstände gegen eine glückliche Beziehung zwischen uns. Du, so synthielastig und unglaublich emotional und ich voller Frust und gerade im Begriff, aus einer Trotzreaktion der Schrei-Musik zu verfallen.
Mittlerweile ist etwas Gras über die Sache gewachsen, wir sind beide gealtert, ich auf jeden Fall auch ein ganzes Stück gereift. Zwischen 19 und (beinahe) 23 Jahren liegen halt doch ein paar Welten, okay?

Fakten: EMMA6 – Passen

EMMA6 Passen
Name Passen von EMMA6
Erschienen am 16.08.2013 via Island (Universal Music)
Musikstil Indie-Pop mit deutschen Texten
Spieldauer 40:02 min verteilt auf 11 Songs
Weitere Infos Facebook Webseite Instagram YouTube
zu erwerben via Amazon*, iTunes und Co.

Äußere Werte: EMMA6 – Passen

Auch wenn man das üblicherweise eher genau umgekehrt macht, mag ich zunächst die Dinge ansprechen, die mich noch immer an dir stören.
Erst einmal zum Erscheinungsdatum. August? Dein Ernst? Es tut mir leid, das dir so sagen zu müssen, aber du bist alles, aber ganz bestimmt kein Sommeralbum. Schau dich doch einfach mal im Spiegel an. Mir ist klar, dass deine Interpreten mit der Zeit gereift sind und mittlerweile eher selten in Klettverschluss-Turnschuhen durch die Gegend hüpfen, wie sie es noch zu Paradiso-Zeiten taten. Doch dieser Kontrast ist echt heftig anzusehen. Strenge Blicke, viel Schwarz, ein Wald wie aus den Twilight-Büchern. Ein Umbruch quasi über Nacht, den man erst einmal verdauen muss. Herbst-Winter in Bestform.

Innere Werte: EMMA6 – Passen

Ja, ich mag ihn nicht, den dumpferen Klang, etwa im ja doch auf Dauer etwas nervigen Opener Traum, dessen Text ich im Übrigen noch immer nicht so wirklich verstanden habe. Doch da geht es mir auch noch bei einem anderen Song so. Ich weiß ehrlich gesagt immer noch nicht so ganz, wie es so zu sein vermag, wenn etwas bleibt Wie es nie war. Wenn etwas bleibt, dann muss der Zustand doch vorher bereits gegeben sein oder bezieht es sich auf „bleiben lassen“ im Sinne von „wer nicht will, der kann’s auch gleich bleiben lassen“? – Fragen über Fragen. Ich liebe Wie es nie war trotzdem und singe den Song trotz meines jahrelangen Hates dann live umso lauter mit. Passt einfach zu gut zu meiner Trotzphase zu Erscheinen dieses Albums.
Der nächste Kritikpunkt betrifft den Refrain von Die Tage, die. Der nervt einfach nur unglaublich und eignet sich auf keinen Fall für eine Dauer-Rotation. Geh weg, geh einfach nur weg!
Was ich auch als deutlichen Stich ins Herz empfinde, ist der Einsatz des Banjo in Fast. Ja, ich nehme es dir übel, dass du die perfekt einfach gehaltene Akustikgitarren-Version aus unseren Radiosessions damals so verschandeln musstest.
Ich hab die Band zuerst gekannt war für lange Zeit mein absoluter Endgegner des Albums. Mag wieder einmal am extrem dumpfen Klang liegen und an der musikalischen Nähe zu Was kann ich dafür, dass ich aus den 80ern bin? – doch die erfrischende Selbstironie spricht für sich: „Das ist kein Stil, das ist Selbstkopie.“ Mittlerweile nehme ich mir diesen Track immer wieder zur Hand, wenn ich selbst in solche dummen Gedanken verfalle. Der Track rüttelt wach. Danke dafür.

So, genug gemeckert. Es geht los mit der Lobhudelei. Wo soll ich da denn bitte anfangen?

Ich beginne mit dem Namensgeber der Platte – Passen. Holy Guacamole, du großartiges Stück. Resignation in der Stimme, klare Worte, starker weiblicher Gastgesang, du emotionaler Song machst mich irgendwie sprachlos, so schön bist du.

Nachdem ich früher größter Fan von Soundtrack für dieses Jahr und Paradiso war, gibt es mittlerweile einen ganz anderen Spitzenreiter meiner Dauerrotation: Wärst du die Welt spricht mir einfach aus dem Herzen. „Wärst du die Welt, dann würd‘ ich verstehen, warum du mich nicht siehst, wenn wir uns seh’n.“ Instrumental, Verzweiflung in der Stimme und Text zerreißen mir gemeinsam das Herz. Ich möchte einfach nur noch pausenlos weinen und diesen Song ganz fest in den Arm nehmen.

Auf seine Art knüpft perfekt an die Geschichte an und offenbart sich als weiteres Schmuckstück, das ich in meiner Musiksammlung nicht mehr missen möchte: „Das ist ja auf seine Art im Prinzip genauso wie ein Ende.“ Ein ernüchternder Kampf. Oh wir verstehen uns so gut…

Nach kurzer Störung durch Track Nummer 9 kommt dann Köln-Wien um die Ecke. Das ist der Track, bei dem ich früher stets wie ein Schlosshund geheult habe. Mittlerweile feiere ich ihn nicht nur für seine heftige Emotionalität an sich, sondern besonders für eine Stelle – den wohl großartigsten Vorwurf, den ich je auf einer Platte gehört habe: „Was machst du, außer hier fehl’n?“ – Dieser Schlag hat nicht nur gesessen, sondern einen Handabdruck hinterlassen, der auch nach Jahren noch ordentlich zu zwiebeln vermag.

Abgerundet wird das Album durch einen Track, der mich je nach Laune mal durch sein ellenlanges Intro nervt oder erfreut. Ich weiß noch immer nicht so recht, was sich EMMA6 dabei gedacht haben, den so ans Ende des Albums zu packen. Ich mag die Aussage von Drehen uns im Kreis, das Leben und Atmen und Essen und Schlafen. Die nicht ganz so natürliche Stimmlage eines Peter Trevisan, den Aufzählungsstil, die Gitarren und die damit aufkommenden Erinnerungen an unsere waghalsige Berlin-Hamburg-Tour im Dezember 2013. Flashback pur!

Fazit: EMMA6 – Passen

Hey Passen, ich muss es echt so zugeben. Ja, ich mag dich. Mittlerweile sogar noch viel mehr als deinen Vorgänger Soundtrack für dieses Jahr, in welchen ich mich im Alter von zarten siebzehn Jahren verliebt hatte. Doch klar, das war ja auch genau so jugendlich und frisch wie ich damals. Es tut mir auf jeden Fall leid, dass ich dich lange so verschmäht habe, okay?

Frieden?

Küsse & Bestes,
Tini

Anspieltipps: Passen, Wie es nie war, Wärst du die Welt, Köln-Wien

tini
tini

Medienstudentin und Software-Testerin in NRW. Fotografiert erst seit August 2014, dafür aber mit voller Leidenschaft. Canon EOS 700D* mit Canon 50mm 1.4* samt original Canon GeLi* & Canon 24mm 2.8*

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Schallgefluester

Livemusik und Bühnennebel. Der Stoff, aus dem Konzerte sind. Genau diesen Phänomenen widmet sich Schallgefluester - dein Musikblog mit Herz und Seele statt kopfloser Massenproduktion. Von Adam Angst bis Die XYZ - hier wird musikalische Vielfalt groß geschrieben. Von Konzertfotos und Berichten bis hin zu Interviews, Rezensionenund Ankündigungen - ich widme mich kleinen und größeren Künstlern und deren Musik. Ob Geheimtipp wie Farben/Schwarz und END oder großer Fisch wie Thees Uhlmann, Jan Delay oder Sleeping With Sirens - für mich zählt die Leidenschaft an der Musik.

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