Fotos: ROCKADE Festiwoll 2016

ROCKADE Festiwoll 2016 Blackout Problems

Am vergangenen Samstag mischten wir uns unter die knapp 1.200 Besucher des ROCKADE Festiwoll im schönen Sauerland. Wie sich das Festival trotz kurzfristiger Lineup-Änderung geschlagen hat, erfahrt Ihr in unserem Bericht.

Der Weg nach Kirchveischede gestaltet sich als ein absolutes Abenteuer. Ja, das Sauerland ist wirklich schön, aber ist es auch wirklich für den Autoverkehr geeignet? Vielleicht wäre eine Bergsteigerausrüstung besser gewesen? Oder das leider in den Festivalregeln explizit verbotene Pferd? Aber hey, wenigstens muss ich in diesem Jahr nicht wieder telefonisch einen Bus anmelden und den Fahrer dann mit Sonderzahlungen dazu bringen, dass er direkt am Gelände hält…

Wir juckeln gerade so im ersten Gang den letzten Berg hinauf und sind überglücklich über unsere holprige Ankunft am Ort des Geschehens. Es fühlt sich einfach an, als hätten wir diesen Hügel mit eigener Kraft bestiegen, dabei saßen wir im Gegensatz zu so mancher Wandergruppe zum ROCKADE Festiwoll eigentlich nur in einem nicht ganz so fitten Auto. Wie das wohl erst für Bands mit regelmäßig überladenem Van sein muss?

Wir holen bei bestem Sonnenscheinwetter unsere Bändchen ab und freuen uns über die erste Neuerung. Damals vor zwei Jahren noch bekamen alle das selbe Festivalbändchen, in diesem Jahr wird nun um Ausweise gebeten, um die Zuschauer zumindest in „Unter 16“ und „Über 16 Jahre alt“ zu kategorisieren. Das soll den Bierausschank an zu junge Menschen etwas erschweren. In der Theorie eine sehr gute Sache, kennt man das Open Air vom Hörensagen tatsächlich als recht trinkfreudig. Dorffest eben. Ein Treffen vieler alter Bekannter aus der Gegend, nur mit tausendmal besserem Programm und einem wunderbaren Gelände.
Eine weitere Erneuerung zu „damals“ zeigt sich in Sachen Essen. Wir entdecken vegane Döner und sogar einen Food Truck zu überaus fairen Preisen. Weiter so!

Das Gelände des ROCKADE Festiwoll ist für mich nach wir vor eines der besten, die ich je betreten habe. Nicht zu groß, nicht zu klein, mit ein paar Erhöhungen für nicht so groß gewachsene Menschen. Wer sich abschotten möchte, kann das auf den Hügeln unter den Bäumen in der meisten Zeit tun. Wer nicht, der lässt es sich eben an einem der Stände oder direkt vor der Bühne gut gehen und feiert mit Sandkastenfreunden, alten Schulkameraden oder lernt in Windeseile neue Leute kennen. Nur über den Trunkenheitsgrad manch neuer Bekanntschaft sollte man sich eventuell bewusst sein.

TIL heißt die Opener-Band des ROCKADE Festiwoll. Im Durchschnitt kaum volljährig, ziehen die Vier eine recht junge überwiegend weibliche Klientel mit zahlreichen Fanshirts auf das sauerländische Festival. Optisch am ehesten aus einem Manga entsprungen, spielt die Sauerländer Antwort auf 5 Seconds Of Summer und Co. verdammt angenehme radiotaugliche Musik und bringt damit mit Sicherheit das eine oder andere blutjunge Herzchen zum Schmelzen und Elternteile zum stolzen Strahlen. Und das, obwohl es den Jungs vorab gesundheitlich alles Andere als gut ging. Hut ab an Euch für so viel Professionalität!

Mit einem Delay von guten 15 Minuten betreten die Independent-Hardrocker Mirrorplain aus Finnentrop die Bühne. Wie sie zur Ehre kommen, als zweite Band auf dem bereits etwas voller gewordenen Festivalgelände spielen zu dürfen? Sie haben sich mit stolzen 120 zu 70 Karten im Kartenvorverkaufs-Duell gegen TIL durchgesetzt und sich somit den späteren Slot und satte 120 Euro Extra-Gage verdient. Ja, so kreativ und fair geht es im Sauerland in Sachen Bandreihenfolge zu. Guter Nebeneffekt: Die Fans der Band machen Stimmung vor der Bühne. Die einzige nun noch unklare Frage lautet für uns: „Wieso wedelt hier jemand mit einem fetten Ast herum?“

Band Nummer drei des ROCKADE Festival 2016 trägt den Namen Volley. Kennt Ihr Scott Pilgrim? Daran erinnert uns der Sound dieser Band. Volley is Volley. Volley is fun. Und passt hervorragend zu diesem Sonnenscheinwetter. Javolley!

Stundenlanges Telefonieren und Schwitzen waren nötig, um einen adäquaten Ersatz für die kurzfristig ausgefallenen KMPFSPRT zu finden. Während sich viele Leute vielleicht fragten, wer zur Hölle das denn bitte nun sein soll, wusste ich bereits genau, mit wem wir es zu tun haben. Fündig wurden die Veranstalter nämlich inmitten der Uncle M Family. anorak. aus dem Raum Köln und Düsseldorf  haben die Ehre und Herausforderung, KMPFSPRT bestmöglich zu vertreten.
„Ich hab gehört, der Sound ist vor’m Mischpult am besten“, versucht Frontmann Phil die Leute nach vorn vor die Bühne zu bewegen. Die Band gliedert sich trotz ihres eigenständigen Musikstils irgendwo zwischen Screamo und Indie gut in das Festival-Lineup ein, auch wenn sich eine Vielzahl der anwesenden Leute etwas skeptisch zeigen mag.
Später beobachte ich dennoch den einen oder anderen Neu-Fan mit limitierter Schallplatte oder Stickern in der Hand. Und auch Karo spricht mich noch an: „Der Sänger tanzt so schön.“ Ich weiß, ich weiß…

Der lokale Headliner des Abends folgt sogleich und heißt Social Distrust. Obwohl oder vielleicht auch genau, weil es um diese Band in letzter Zeit eher still geworden ist, spricht die Atmosphäre direkt vor der Bühne für sich. Moshen und Mitgrölen, herumfliegende Bierbecher samt Inhalt. Ja, die Leute feiern und haben gerade wohl den Spaß ihres Lebens. Wir begeben uns lieber ein wenig in Deckung, feiern dieses ultrageile Publikum aber zutiefst für seine ganze Energie.

Für einen kurzen Moment scheint es, als sei der große Sturm jetzt vorüber. So, als wäre nach Social Distrust die Luft raus und die Leute hätten sich genug verausgabt. Ob die Blackout Problems die Kräfte der zum Teil gut angetrunkenen Menschen noch einmal aktivieren können? Alles Andere als eine leichte Aufgabe.
Sie benötigen eine kurze Warmup-Phase, doch schon bald haben die Vier die Leute weitgehend im Griff. Spätestens, als Frontmann Mario explizit zum Stagediven aufruft (Crowdsurfen, Mario, Crowdsurfen!), ist das Eis weitgehend gebrochen, die Stimmung ausgelassen. Karo scheint mit ihrer Position weit vorn an der Seite der Bühne jedoch leider eher das Pech gepachtet zu haben. Um sie herum werden Selfies gemacht. Es wird geredet, anstatt einfach mal alles von sich abfallen zu lassen und zur Musik abzugehen. Echt schade.
Phil von anorak. wird grinsend in die Luft gehoben und vom Publikum möglichst weit vorn zur Bühne getragen. Was folgt, lässt sich am besten als frei interpretierte Variation der berühmten „Erschaffung des Adam“ von Michelangelo beschreiben, nur vielleicht in etwas weniger freizügig und formvollendet. Da haben sich zwei Bands aus der Uncle M Family echt gefunden…
Highlight des Gigs der Blackout Problems beim ROCKADE Festiwoll ist für mich wohl die atemberaubende Kletterpartie in schwindelerregende Höhe. Junge, was machst du da?!
Am Ende liegt ein Teil des Instrumentenfuhrparks der Blackout Problems im Pressegraben und ich finde, das sagt eigentlich genug über die während des Gigs freigesetzte Energie der Vier Wahl-Münchener aus. Einfach unnachahmlich.

Die letzten Kraftreserven aktivieren. Unter dem wunderschön atmosphärischen Leuchten der Lichterketten sucht nun die geballte Ladung niederländischen Charmes das Sauerland heim. Tim Vantol und Band haben die Ehre, den letzten Slot des ROCKADE Festiwoll 2016 zu bespielen. Vielleicht weniger aufregend als Social Distrust oder die Blackout Problems, dennoch durch den hohen Anteil an Akustikgitarre sehr treibend, tanzbar und einfach schön anzuhören. Da kommt zum Abschluss des Festivals tatsächlich so etwas wie Lagerfeuer- und emotional-Mitgröl-Atmosphäre auf.

Unter dem Strich lässt sich sagen, dass sich das ROCKADE Festiwoll von einer sehr guten Seite gezeigt hat. Mir gefielen besonders das großartige Gelände und das abwechslungsreiche Programm. Daumen hoch an die ehrenamtlichen Veranstalter für so viel Engagement – selbst in akuter Absage-Notlage – und die tolle Idee mit dem Kartenverkaufswettbewerb der lokalen Bands. Die einzigen Abzüge in der Bewertung gibt es dann auch tatsächlich im Ehrenamt. Ich habe mich mit ein paar Besuchern unterhalten und festgestellt, dass man nicht überall so gut auf den Ernstfall vorbereitet war – sei es bei den eher unsicheren Leuten im Sanitäterzelt oder in Sachen Security. Da wäre es längerfristig gesehen gar nicht so übel, das alles noch ein wenig zu professionalisieren.

Fotos: Rockade Festiwoll 2016

 

Fazit: Rockade Festiwoll 2016

Tini:

Location: sehr gut (trotz der Lage)
Organisation:
 gut bis sehr gut
Security: gut
Programm: sehr gut
Highlights des Tages: Social Distrust, anorak. & Blackout Problems

Karo:

Location: sehr gut
Organisation:
 gut
Security: befriedigend
Programm: gut
Highlights des Tages: anorak. & Blackout Problems

Zu Hause weiter feiern?

tini
tini

Medienstudentin in NRW. Fotografiert erst seit August 2014, dafür aber mit voller Leidenschaft. Canon EOS 700D* mit Canon 50mm 1.4* samt original Canon GeLi* & Canon 24mm 2.8*

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