Im Interview: Mikroboy

Irgendetwas scheint der Musikgott doch gegen uns zu haben. Was ist da los in der deutschen Musiklandschaft? Wir trafen uns in Köln zu einem letzten Mikroboy-Abschiedsinterview mit Michi Ludes, einer der wohl größten Wortgewalten des deutschsprachigen Raums.

Mikroboy Abschiedskonzert Köln

SG: „Es hat sich einiges getan…“ Es ist ja jetzt doch eine längere Zeit vergangen. Was ist denn so in der letzten Zeit passiert?

Michi: Jeder hat so seinen eigenen Scheiß gemacht. Steffen hat einen coolen Job. Ich hab einen geilen Job. Wir sind beide mega viel auf Tour mit anderen Bands. Das ist ja auch einer der Gründe, warum das jetzt aufhört. Weil wir auch einfach in vier verschiedenen Städten wohnen. Es ist ganz schwer, sich überhaupt mal zu treffen, weil erstmal alle Zeit haben müssen, an einem Ort zu sein. Deshalb ist gar nicht so viel passiert. Immer wenn wir mal Zeit hatten, haben wir uns kurz getroffen und dann haben wir mal zwei-drei Songs gespielt, gezockt, geguckt… bis dann irgendwann nach diesen vier Jahren diese Platte fertig war und die dann auch soweit war, dass wir die veröffentlichen wollten. Das ist passiert.

SG: Ich kenne einige Mikroboy-Fans und die sagten dann alle so „Ohhh, da kommt endlich was!“ Aber was halt in der Zwischenzeit überhaupt los war, fragte sich jeder…

Michi: Ja, mit Mikroboy nichts. Wir waren halt einfach still. Letztes Jahr haben wir mal drei Shows gespielt, um zu gucken, wie das noch so ist, wenn wir zusammen auf der Bühne stehen… Ob wir das noch können.

SG: Ob ihr euch noch riechen könnt.

(Gelächter)
Michi: Jaja genau! Das ging dann aber zum Glück alles.

SG: Gibt es einen Song auf der aktuellen Platte, wo ihr sagt „Der war jetzt total das Sorgenkind“? Oder bedeutet euch ein Song vielleicht besonders viel oder war in gewisser Weise eine besondere Herausforderung?

Michi: Mhmm… Ne, besondere Herausforderung, glaub ich nicht. Wenn wir Songs haben, die uns Sorgen oder auf die wir keinen Bock haben, dann fliegen die halt raus. (Lachen) Aber es gibt halt Songs, die uns besonders wichtig sind. Für mich ist „Schnee“ ein mega wichtiger Song, weil‘s da einfach um meine Heimat geht und dieses ganze Gefühl. Und ich finde auch den Song „Leicht“ einfach gut, weil der einfach als Titelsong da steht und das der einzige positive Song ist, den ich in meinem Leben geschrieben hab.

SG: Ja, das ist mir auch aufgefallen.

(Gelächter)
Michi: Ja, das sind so meine zwei wichtigsten Songs.

SG: Es gab ja so Andeutungen, dass es irgendwie noch weitergehen wird, nach Mikroboy – so in irgendeiner Art und Weise… Kann man da was Konkretes dazu sagen?

Michi: Müssen wir mal gucken, was da so passiert. Ich kann dazu nur sagen, dass ich ja auf jeden Fall Musiker bin und für mich ist das ja eine Art Selbsttherapie Texte und Lieder zu schreiben und das muss ich für immer weiter machen, sonst sterbe ich. Und deshalb… kann man sich drauf verlassen, dass ich mit Sicherheit für immer Musik machen werde und dass man auch nach wie vor noch meine Stimme hören wird und meine Texte hören wird, in welchen Formen auch immer.

SG: Das ist sehr schön. Denn deine Stimme ist so eine der wenigen, die ich gefühlt überall raushören kann. Und das ist so etwas Besonderes…

Michi: Weiß man jetzt gar nicht, ob das ein Kompliment ist oder nicht… (lacht)

SG: Es ist ein Kompliment!

Michi: Super! Das freut mich sehr.

SG: Man muss deine Stimme quasi nur weiter suchen.

Michi: Ja, genau! Man muss nur hinhören, wo meine Stimme ist und dann ist alles gut.

SG: Ich würde mal behaupten, ihr hinterlasst jetzt schon so eine Art Lücke in der Musiklandschaft, wenn ihr dann nicht mehr da seid. Wo siehst du jetzt persönlich so Hoffnungen in der deutschsprachigen Szene?

Michi: Oar… Ich hab keine mehr, ehrlich gesagt. (Gelächter)
Rap. Einfach nur Rap hören. Alles andere bringt nix.

SG: Gibt’s trotzdem noch irgendwen, wo du sagen würdest „Ja, da könnte noch was kommen“?

Michi: In Deutschland? Jetzt gerade?

SG: Ja, so im deutschsprachigen Raum…

Michi: Also ich würde sagen… Moritz Krämer oder so… kennst’e? Von „Die Höchste Eisenbahn“? Das ist auf jeden Fall sowas, wo ich denke, das man mit den Texten was anfangen kann. Das ist auch Musik, damit kann ich was anfangen. Ansonsten sieht’s so indiemäßig echt mau aus in den letzten Jahren. Ich glaub aber, ehrlich gesagt, dass das wieder kommen wird. Ansonsten kann ich echt nur jedem empfehlen deutschen Hip Hop zu hören, weil das einfach die einzigen Leute sind, die noch gute Texte schreiben können. Muss man leider echt sagen.

SG: Und in welche Richtung da so?

Michi: Ach, alles Mögliche… Ich find‘ so Indie-Rapper wie Fatoni oder so geil und ich find‘ auch Haftbefehl geil. (Gelächter)
Das kommt halt immer darauf an, ob‘s gut gemacht ist oder nicht und ob‘s wirklich clever ist oder nicht. Deswegen… von Ghetto bis Studentenrap ist da alles cool.

SG: Ist auch mal eine interessante Einstellung. Was würdest du so aus der Mikroboy-Zeit persönlich mitnehmen?

(Im Hintergrund: Soundcheck. Es wird „Auuuf einem Baum ein Kuckuck…“ gesungen)

Michi: ALLES! Das was ich bin!

SG: Das hat dich so hochgradig geprägt?

Michi: Natürlich! Das ist ja auch meine musikalische Identität. Ich wäre nicht der Mensch, der ich bin, wenn‘s das nicht gegeben hätte. Ich nehme da nicht eine Sache draus mit. Ich bin das Produkt aus all diesen zehn Jahren, würde ich sagen.

SG: Das ist eine gute Ansage… Hach, das macht mich so traurig.

Michi: Du musst nicht traurig sein. Die Lieder gibt’s ja für immer und wir sind auch nicht tot. Macht ja keinen Unterschied. Und die letzten Jahre haben wir ja auch nichts gemacht und keiner war traurig, weißte?

Mikroboy Abschiedskonzert Köln
SG: Ich habe selbst in meiner Rezension geschrieben, dass du teilweise noch so kitschige Texte schreiben kannst, auch mit Haus-Maus-Reimen, aber irgendwie klingt es aus deinem Mund einfach total poetisch. Hast du irgendeine Erklärung dafür?

Michi: Ja, ich hab zwei Erklärungen dafür: Erstens weil‘s wahr ist, was ich da sage. Ich glaube, das ist schon mal der wichtigste Punkt. Ich versuch ja nicht sowas Dramatisches wie möglich zu schreiben oder was Pathetisches wie möglich oder was Trauriges wie möglich zu schreiben, sondern ich bebilder ja nur, was ich im Kopf habe und was mich stört und was da raus muss. Deshalb ist es wahrscheinlich authentischer als wenn jemand anderes „Haus-Maus“ und „Ich liebe dich“ singt.
Außerdem haben wir ja auch so eine Art und Weise, dass man was ganz krass Dramatisches sagen kann, dass dann aber ganz einfach auch mit dem nächsten Satz wieder enthebeln kann, wenn man dann einfach was Flapsiges dazwischen schiebt oder so. Das funktioniert auch ganz gut.
Das ist was, was mir immer alle sagen. Alle sagen immer so „Krass, wenn das jetzt… äh… Johannes Strate singen würde, würde es richtig furchtbar klingen. Bei dir geht’s irgendwie klar.“ Das höre ich tatsächlich oft. Aber das klingt einfach daran, dass es nicht konstruiert ist.

SG: Respekt dafür!

Michi: Dankeschön!

SG: Gegen Ende des Interviews noch einmal eine lockere Frage: „Und wenn die Welt dann morgen untergeht…“ – Weltuntergang. Wie stellst du dir deinen vor?

Michi: Ähm…. Wenn‘s wirklich soweit kommt, würde ich mir 1 Gramm Heroin kaufen und total druff nichts davon mitbekommen wollen, glaub ich ehrlich gesagt. Oder mit der Frau meines Lebens kuschelnd einschlafen…
(Ohhh)
… aber die gibt’s leider nicht. Ich würd‘s aber ehrlich gesagt auch gar nicht wissen wollen vorher. Ist ja saudumm. Dann kann man ja schon nichts mehr genießen, was passiert und hat ja dann nur noch Schiss und fiebert panisch drauf hin.

SG: Also bei mir wäre eher so das Ding, ich würde mir geil Knabbern holen irgendwo hin setzen, wo es gemütlich ist und dabei zuschauen, wie alle Anderen Panik schieben.

Michi: (lacht) Würdest du?

SG: Ja! Ändern kann ich eh nix mehr.

Michi: Das stimmt. Es wäre trotzdem traurig. Mir macht mein Leben eigentlich ziemlich viel Spaß. Ich hab noch keinen Bock aufzuhören. (grinst)

SG: Wieso hören dann Mikroboy auf? (lacht)

Michi: Ja… Naja, das ist ja nur ein Abschnitt meines Lebens. Und jede Geschichte ist dann auch mal zu Ende erzählt.

SG: Das passt jetzt auch gerade sehr gut… zu guter Letzt noch die Frage: Was würdest du der Welt gern noch so auf den Weg geben?

Michi: Ich weiß nicht… Ich würde der Welt gerne auf den Weg geben, dass sie mal darüber nachdenken soll, was sie für Idioten sind. Wenn jeder mal kurz in den Spiegel gucken würde und checken würde… Man muss ja nicht von allen Menschen verlangen, dass sie sich irgendwie um die ganze Welt kümmern, aber dass man Zivilcourage entwickelt. Dass man sich einmal umguckt und dann noch einen Schritt macht und sich dann wieder umguckt. Wenn das jeder machen würde, dann wäre alles okay. Dann müssten wir uns nicht darüber streiten, ob wir Flüchtlingsprobleme haben, dann müssten wir auch keine Kriege führen und dann müsste auch alles andere nicht passieren. Einfach mal nicht mehr so dumm sein.

Einfach mal nicht mehr so dumm sein. Da gibt es tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen. Wir sind gespannt, wie es mit Michi und seinen Bandkollegen weitergehen wird und behalten das alles mal im Auge. Oder eher im Ohr…
Ihr möchtet Mikroboy noch einmal Tschüss sagen und sie wenigstens virtuell umarmen? Einfach mal machen!

Mikroboy Abschied Köln

Weiterführende Links zur Band

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tini
tini

Medienstudentin und Software-Testerin in NRW. Fotografiert erst seit August 2014, dafür aber mit voller Leidenschaft. Canon EOS 700D* mit Canon 50mm 1.4* samt original Canon GeLi* & Canon 24mm 2.8*

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Schallgefluester

Livemusik und Bühnennebel. Der Stoff, aus dem Konzerte sind. Genau diesen Phänomenen widmet sich Schallgefluester - dein Musikblog mit Herz und Seele statt kopfloser Massenproduktion. Von Adam Angst bis Die XYZ - hier wird musikalische Vielfalt groß geschrieben. Von Konzertfotos und Berichten bis hin zu Interviews, Rezensionenund Ankündigungen - ich widme mich kleinen und größeren Künstlern und deren Musik. Ob Geheimtipp wie Farben/Schwarz und END oder großer Fisch wie Thees Uhlmann, Jan Delay oder Sleeping With Sirens - für mich zählt die Leidenschaft an der Musik.

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