Im Interview: Aufbau West

Ein unwahrscheinlich kalter Freitagabend irgendwo mitten im gefühlten Nirgendwo Dortmunds und trotzdem nahe des Hauptbahnhofs. Hektisch eilen wir zum Sissikingkong, aus Angst, unsere Verspätung aufgrund des Zugs voller Fußballfans habe Konsequenzen auf unseren Interviewtermin mit Aufbau West.

Aufatmen ist angesagt – die Band befindet sich noch beim Soundcheck und so können wir uns in aller Ruhe im gemütlichen Sitzbereich regenerieren.
Als Florian und Johannes dann endlich bei uns eintreffen, begrüßen wir uns recht unbeholfen ungeschickt. Jetzt bloß nicht direkt den Eindruck von den Onlineaktivitäten her versauen! Nach einer lockeren Gesprächsrunde zum Warmwerden und einer kurzen Aufklärung, dass uns tape.tv ein wenig filmen würde, widmen wir uns schließlich im Licht des gemütlichen Kerzenscheins den wichtigen Dingen…

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SG: Es gibt gefühlte Millionen von Indierockbands, doch ihr hebt euch ja irgendwie stilistisch deutlich davon ab. Wie kommen Aufbau West also dazu, die Musik zu machen, die sie machen?

Florian: Erstmal Danke für die Blumen! Das ist ein Stück weit auch unser Bestreben in dem was wir machen. Wir haben uns nie überlegt, wie wollen wir klingen oder so, sondern für uns war immer eher klar, was wollen wir auf jeden Fall nicht mit dieser Band. Wir haben alle einen sehr ausgeprägten Shit-Detektor. Wir finden extrem viel extrem scheiße. In dieser Band geht es viel um scheiße finden und das ist der kreative Ansporn. Der wächst auch daraus, dass man bestimmt Sachen einfach nicht so gut findet und daraus sich überlegt ‚Ey man… das machen wir nicht… das machen wir nicht… das machen wir nicht…‘ und im Ausschlussverfahren ist dann irgendwie Aufbau West und der musikalische Sound entstanden.

SG: Das klingt so negativ… das wollen wir nicht und das auch nicht und auch nicht…

Florian: Ne, andere Bands überlegen sich halt so ‚Oh man, wir wären gerne so ‘n bisschen wie The Hives oder Nickelback‘ oder weiß der Henker was und wir haben uns halt überlegt, wir wollen auf jeden Fall nicht so kacke sein wie der und der und irgendwie war das so die Idee. Wir machen das ja jetzt schon seit Anfang 2011. Da war an so was wie die XOXO-Platte oder an OK KID halt noch nicht zu denken… das war einfach noch nicht da. Und damit standen wir, glaub ich, ‘ne gewisse Zeit ziemlich allein auf weiter Flur. Es ist schön, dass es immer mehr Menschen gibt, die deutschsprachige Musik, die ich ästhetisch nachvollziehen kann, jetzt immer populärer machen, aber zu dem Zeitpunkt als wir uns gegründet haben, war nie die Idee, wir wollen jetzt so ähnlich klingen wie irgendwer, sondern wir wollen auf jeden Fall das und das und das und das nicht. Wir finden leidenschaftlich gern Sachen scheiße.

SG: Das hört man bei euch… das ist ja nicht negativ gemeint in dem Fall.

Florian: Ne, ich versteh das als Kompliment.

SG: Wäre eure Musik eine Person, wie sähe diese aus, wie lebt sie, handelt sie…?

Johannes: Sehr hübsch, würde ich sagen.
Florian: Extrem hübsch! Hab ich gerade auch gedacht… wäre sie denn weiblich oder männlich? …Neutrum!
Johannes: Neutrum! Oder Metro.
Florian: So Ville Valo mäßig… ein Mann, sehr androgyn oder eine sehr androgyne Frau.
Johannes: Ja oder Boy George… Ne, der ist schon zu viel.
Florian: Das ist auch nicht mehr stilsicher.
Johannes: Was gibt’s denn so noch?
Florian: Was war die zweite Hälfte der Frage? Wie würde sie aussehen und…?

SG: Wie würde sie sich auch verhalten? Wo würde sie wohnen oder wie wäre ihr Lebensstil?

Florian: Ich glaube, es wäre auch jeden Fall eine großkotzige Person. Es wäre trotz alle dem eine sehr sehr sehr sensible Person.
Johannes: Genau!
Florian: Und eine Person, die gewisse Ideale hat.. also die so gewisse…
Johannes: Ja, so Ideale mit denen man alleine dasteht und nicht immer die gleiche Meinung vertritt wie andere.
Florian: Ich glaube, diese Person wäre tendenziell auch nicht im Schützenverein und auch nicht Bürgermeister. Vielleicht nicht die allerbeliebteste Person, aber von den Freunden würde sie sehr geschätzt werden.

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SG: Eure Texte klingen ja eher so nach stay individual… aber ehrlich… bei welchen Arten von Menschen hofft ihr, dass die sich niemals reproduzieren?

Florian: Ich glaube, das versteh ich gar nicht… also die Frage war, welche Art… wer…

SG: Welche Art von Menschen kotzen euch an?

Florian: Mich kotzt jetzt erst mal grundsätzlich keiner an. Ich glaube jetzt nicht, dass ich so ein Hass gegen Menschen hab. Ich finde bestimmte Verhaltensweisen an Menschen blöd. Ich würde jetzt nicht sagen, dass der Mensch dahinter total scheiße ist. Aber ich würde jetzt nicht unbedingt gerne mit irgendwelchen Faschos Kumpel sein oder…
Johannes: Die sind immer scheiße!
Florian: Ich finde auch immer so extreme Selbstdarstellerei anstrengend. Wir haben das Album fast drei Jahre aufgenommen. Davon anderthalb Jahre am Stück in Berlin in Kreuzberg die gleiche Straße hoch und runter gelaufen und du kannst keine zehn Meter gehen, ohne, dass jemand im Gesicht tätowiert ist. Die sind alle so wahnsinnig interessant und alle so Künstlermenschen und so… Ich bin dann total froh, wenn ich dann wieder zu meiner Mama ins Dorf fahre und sie da besuche und die Leute einfach normale Familienväter und -mütter sind. Das finde ich eigentlich sehr schön. Ich brauche nicht die ganze Zeit wahnsinnig imposante interessante Selbstdarsteller um mich rum.
Johannes: Wir haben uns letztens über so was unterhalten, ne? Keine Ahnung… also ich habe nur für mich festgestellt, dass man das heutzutage den Leuten auch gar nicht mehr ansehen kann an Klamotten oder am Stil wie sie als Mensch sind. Vielleicht ist das dann auch so mit dem Älterwerden das Ding, dass man das so für sich rausfindet, aber es gibt einen Menschen, bei dem man denkt ‚Oh, der könnte mir sympathisch sein‘ und ist dann das komplette Gegenteil der Fall. Und Menschen, bei dem man denkt ‚Ey, mit dem würde ich ja gar nicht klar kommen‘ und dann stellt man fest ‚Ey Wahnsinn‘. Man hat sich super unterhalten und einen super netten Abend gehabt.

SG: Ihr gebt unter anderem bei „& das ist erst der Anfang“ zu verstehen, dass sich nicht alle Bands so lieb haben wie man denkt… das Musikbusiness kann ganz schön abfucken. Die Menschen darin können abfucken. Wieso begibt man sich trotzdem in diese Höhle des Löwen?

Florian: Also ich glaube, die Frage stellt sich nicht so richtig. Ich finde, es gibt zwei Möglichkeiten, wenn man so tickt wie wir: man kann entweder alles nur scheiße finden oder man kann alles scheiße finden und es versuchen besser zu machen. Und das finde ich, ist der Anspruch. Nur rum nörgeln kann jeder. Ich finde, man kann dann auch einfach versuchen das Beste draus zu machen und das ist der Grund, weswegen wir Musik machen… weswegen wir Aufbau West machen.
Ich glaube, jeder Mensch kommt auf die Welt und hat das Bedürfnis seine Welt, sein Lebensumfeld, zu verändern. Das ist wahnsinnig naiv, aber ich bin auf die Welt gekommen und habe gedacht, ich werde irgendwann Präsident der Vereinigten Staaten. Ich hab wirklich gedacht, dass ich Einfluss auf die Welt nehmen kann und damals hat das noch geklappt. Wenn ich geschrien hab, dann hat mir meine Mama was gebracht und so was. Das hat im Kleinen funktioniert und im Großen hab ich dann für mich die Notwendigkeit gesehen, Musik zu machen in der Hoffnung, dass wenn ich irgendwann sterbe, was von mir bleibt. Das klingt ganz pathetisch, aber ich glaube, das ist so ein menschlicher Urinstinkt, den jeder in sich trägt und das ist der Grund dafür, dass ich ganz persönlich Musik mache.

SG: Schöne Antwort!

Florian: Danke! Schöne Frage! „& das ist erst der Anfang“, da du es gerade kurz angesprochen hast… Ich finde das an Rockmusik und Rockmusik-Sozialisation so langweilig und so verlogen und geheuchelt, dass die Menschen immer alle so tun, als würden sie sich alle immer total gut finden und jeder mag jeden und in jedem scheiß Interview von irgendwelchen Bands aus unserem Dunstkreis lese ich „Oar! und das und das sind die beste Band der Welt und die und die sind so toll“ und ich denk jedes Mal ‚ja und wenn ihr euch umdreht, dann findet ihr die voll scheiße und lästert über jeden…‘. Das ist halt nicht cool. Meine Mama hat mir das so beigebracht, dass man einfach sagt, was man denkt und dann im Zweifel Gefahr läuft, dass das Leute doof finden, aber es ist mir lieber den gerade Weg zu gehen als zu heucheln.
Johannes: So erspart man sich im Nachhinein viel Ärger, oder?
Florian: Ja oder schafft im Vorhinein für Ärger! Ich denke, Frida Gold werden uns in nächster Zeit nicht fragen, ob wir bei denen Supportband sein können. Andreas Bourani hab ich jetzt oft in Interviews genannt als Negativbeispiel… Wir machen es uns damit natürlich auch selber ein Stück weit schwer, aber das machen wir ganz bewusst. Ich finde es viel ehrenwerter, gerade heraus für gewisse Sachen einzustehen, die man innerlich vertritt und im Zweifel dann keinen Bonus daraus zu generieren. Aber das ist mir egal.

SG: „Zweitbester“ – tatsächlich persönlicher Auszug aus der eigenen Biographie oder Momentaufnahme eines Lebensgefühls der kompletten Gesellschaft, in der man lebt?

Florian: Das ist absolut autobiografisch. Ich fühle mich zwei Drittel meines Lebens mindestens, als sei ich nur Zweitbester und das ist überhaupt nicht selbstbemitleidend gemeint. Es gibt halt immer irgendeinen Vogel, der irgendwas besser kann als ich. Ich hätte auch gern „Die Schönheit der Chance“ von Tomte geschrieben, aber ich hab leider nur „Lindenstraße und Cardigans“ geschrieben. Was soll ich machen… besser kann ich halt nicht. Zweitbester weckt immer ganz schnell so Scheiterassoziationen, aber tatsächlich glaube ich, dass Zweitbester sein auch bedeutet, dass man von 700 Teilnehmern am Marathon 698 hinter sich gelassen hat und das ist eigentlich eine total geile Sache und das kann man sich auch irgendwann mal eingestehen.
Ich fühle mich, als sei ich Zweitbester. Auch die Band, glaube ich. Wir haben zusammen mit einer anderen inzwischen ziemlich erfolgreichen Band vor zwei Jahren Jennifer Rostock supportet und danach werden wir in jedem dritten Interview auf diese Band angesprochen und immer so „Oar und ärgert euch das, dass die jetzt so erfolgreich sind?“.
Wir haben mit so vielen Labels gesprochen und das Album hat drei Jahre gedauert und das, obwohl wir seit einem Jahr fertig sind und die Platte in der Schublade unseres Schreibtisches haben. Wir konnten es einfach nicht veröffentlichen, weil immer irgendwelche Vollidioten bei irgendwelchen dämlichen Plattenfirmen in Schlips und Anzug, irgendwelche Arschgeigen, profitgeil irgendwelche Scheißbands gesigned haben, die jetzt genauso wie Cro klingen oder weiß der Henker was. Das ist halt das täglich Brot. Damit sehen wir uns leider oder zum Glück jeden Tag konfrontiert. Ich finde, man kann es auch einfach zur Attitüde machen. Zweitbester zu sein ist nicht so übel.

SG: „Oh du Armer, man hat mir erzählt, dass deine Mutter sich ein Leben lang schon für dich schämt“ – was halten eigentlich eure Mütter oder Familien von dem, was ihr da so musikalisch treibt??

Florian: Meine Mama hat original gesagt, als ich ihr unsere erste EP „Schüsse in Öfen“ vorgespielt hab: „Florian… wichtig ist, dass es dir gefällt.“
(Gelächter)
Johannes: Ich hab meinen Eltern erst das Album letzte Woche geschenkt.
Florian: Gibt’s schon Feedback?
Johannes: Ne…

SG: Hattet ihr seitdem wieder Kontakt?

Florian: Die haben den Kontakt abgebrochen!
(Gelächter)
Johannes: Ich glaub, so geht es fast jedem… also am Anfang denken die sich ‚oh Gott, was macht der Junge jetzt… so ein Schwachsinn‘ und im Nachhinein, wenn sie aber sehen ‚Ey Wahnsinn, da kommt ja was bei rum!‘ und das klingt vielleicht auch gar nicht so schlecht, dann sind die schon stolz, ja.
Florian: Also ich hab Erzieher gelernt, also ich bin eigentlich vom Beruf her Erzieher. Und meine Mama hat, als ich sie damit konfrontiert hab, dass ich jetzt nicht mehr im meinem Beruf arbeiten werde, sondern nur noch Musik mache, natürlich erst mal einen besorgten Gesichtsausdruck bekommen. Aber meine Mama ist wahnsinnig stolz. Sie gibt beim Dorfbäcker damit an, dass wir ‘ne Vietnam-Tour gespielt haben. Auf einem Konzert auf der Jennifer Rostock-Tour war Herbert Grönemeyer im Publikum und ich hab meine Mama nach dem Konzert angerufen und ihr das erzählt und meine Mama hat geweint, weil sie sich so gefreut hat. Wenn ich das erzähle, bekomm ich Gänsehaut… ehrlich gesagt, meine Mama ist ziemlich stolz und das fühlt sich gut an.

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SG: Herbert Grönemeyer haben wir auch bei der 1Live Krone live gesehen und das whoa… den muss man mal gesehen haben.

Florian: Während der ganzen Zeit als ich die Texte an der Zweitbester-Platte geschrieben hab, hab ich das Bochum-Album von Herbert Grönemeyer hoch und runter gehört, was ja sein erstes Erfolgsalbum war. Ich hab die ganze Zeit gedacht ‚Wahnsinn! Wenn ich es auch nur im Ansatz schaffe, dass meine Texte ähnliche Gewalt haben…‘. Das war so mein erklärtes Ziel irgendwie. Und das ist halt so krass… Herbert Grönemeyer war auf einem Konzert von meiner kleinen Pumpelband und ich als riesen Herbert Grönemeyer-Fan war noch nie auf einem Konzert von ihm.

SG: Na dann wird es ja mal Zeit, ne?

Florian: Erst, wenn er mich auf die Gästeliste schreibt. Vorher nicht. Er stand ja schließlich auch bei uns drauf, oder? Alter Kackvogel!
(Gelächter)
Johannes: Interessant… ich müsste mich damit mal weiter beschäftigen. Herbert Grönemeyer hat mich immer so an Peter Maffay und so erinnert.
Florian: Alter… ne! Pass auf… ich finde allein dieser Männer-Song auf der Bochum-Platte, der ist halt so… der kann so viel. Der funktioniert in der Eckkneipe in Bockum Hövel und die Leute brüllen „Yo Männer! Yo, sind ja wirklich voll scheiße“ und dann spricht das auch so einen Menschen an, die sich mit Gender-Sachen in ihrem Studiengang beschäftigen müssen. Auch solche Leute spricht das an. Der Song funktioniert auf so vielen Ebenen, der ist so tief. Und der Typ hat das halt vor 30 Jahren geschrieben, also lange bevor irgendwelche schlauen Menschen darüber in Hörsälen diskutiert haben. Ich glaube, wenn man das schafft, dann ist man einer der Größten!

SG: „Du sagst, die 90’s kommen wieder“„Von Hellersdorf bis Rotterdam“ erinnert mich musikalisch unglaublich an gewisse Spielesessions an der SNES-Konsole… wie viel hattet oder habt ihr mit Gaming am Hut?

Florian: Ich hatte diesen großen grauen Gameboy und die blaue Edition von Pokémon. Das hab ich gezockt. Damit war ich auch der King in der 4b bei Frau Venhof.
(Gelächter)
Aber sonst hab ich mit Gaming in meinem Leben noch nie was am Hut gehabt. Ich hab mal, als alle das gemacht haben, so eine Freeware-Version von Counter Strike auf dem Rechner installiert und hab wirklich versucht das gut zu finden. Aber ich hab dann so davor gesessen ‚Ach wie und da schieß ich… aha…‘ und dachte so ‚Ja aber warum denn? Muss man doch gar nicht… sind doch alle nett hier!‘. Irgendwie spricht mich das nicht an.
Johannes: Ich hab mit Gaming nie was zu tun gehabt. So als Zehnjähriger hatten wir mal so eine Nintendo NES oder den allerersten Nintendo DS? Keine Ahnung… also das hab ich total gern gezockt.
Florian: NES.
Johannes: Aber ansonsten ist diese ganze Sache an mir vorbei gelaufen.
Florian: Unser Keyboarder hat relativ viel damit zu tun. Der schafft es lange Zeit ohne Augenschmerzen zu bekommen sich vor den Computer zu setzen und Poker zu spielen oder Herr der Ringe oder in Mittelerde rumzuhängen oder so. Der hat da Spaß dran.

SG: „So große Gegenstände so schmerzhaft zweckentfremden“ Kopfkinozeit… was wäre Eure größte Gewaltphantasie gegenüber des neuen Freundes der Ex?

Florian: Also der Song ist ja ein Song über neue Partner von Personen, die man eigentlich liebt und denen man so nachtrauert und wenn man dann sieht, denkt man sich ‚Oh scheiße! Die hat jetzt einen Neuen!‘. Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen geht, aber mir geht es so, dass ich mir dann im ersten Moment vorstelle, wie ich dem Typen Stück für Stück seinen Bauch aufschneide. Warum sieht der Typ auch noch so unverschämt gut aus?!
Ich glaube, das ist der Situation geschuldet, ich hab mir schon oft vorgestellt, was passiert, wenn ich ihren neuen Freund irgendwann mal sehen sollte. Ich weiß ja nicht, was in dem Moment in meiner greifbaren Umgebung ist, ob ein Klappspaten oder irgendwas…
(Gelächter)
…aber wahrscheinlich würde ich einfach weggehen und mich hinterher ärgern ‚Ach Mist! Jetzt hast du so lange darüber nachgedacht und jetzt hast du doch Angst, weil er viel stärker ist als du‘.

SG: Ich lach dann einfach drüber, so nach dem Motto ‚Okay, was ist das denn jetzt für ein Spaten!‘

Florian: Das Problem ist, der ist ja kein Spaten. Da muss ja irgendwas an dem sein, weswegen sie ihn besser findet als mich.
Johannes: Das ist dann das, was einen so wurmt, ne?
Florian: Ja! Man kann sich das alles so schön reden und ‚ach… außerdem hab ich viel geilere Schuhe als der!‘ aber leider muss ja was an dem Typen oder an dem Menschen dran sein.

SG: „Wie würd‘s wohl klingen, wenn wir Musik wär‘n“ – Welche Bands dürfte eine Beziehung denn sein, wenn sie gut läuft?

Florian: In dem Song geht es da darum, zu überprüfen, ob zwischenmenschliche Beziehungen gelingen, indem man sich einfach vorstellt, welche Band wären wir zwei und hab ich darauf Bock den Rest meines Lebens. Wenn die Person mit mir zusammen klingen würde wie die Editors, dann könnte ich mir das durchaus vorstellen. Oder wenn wir klingen würden wie The Streets oder wie die Bochum-Platte von Herbert Grönemeyer, wie The Smiths, dann wäre ich da auf jeden Fall dabei. Wenn wir klingen würden wie Bakkushan, dann wird es schwierig. Auch wenn ich den Robert Kerner sehr gern mag.

SG: Der ist ja sowieso nicht mehr dabei…

Florian: Aber der hat ja schließlich mal mitgemacht und deswegen pinkelt man nicht auf solche Denkmäler. Aber das müsste ich auf jeden Fall nicht für den Rest meines Lebens hören. Ich müsste auch nicht für den Rest meines Lebens Nickelback hören. Kann man vielleicht nachvollziehen, oder?
(zustimmendes Nicken)

SG: Euer Album hat ja jetzt schon seine Runde gemacht, unter anderem bei diversen Musikblogs… was war bisher die Reaktion auf eure Musik, die euch irgendwie besonders im Kopf geblieben ist?

(Gelächter)
Florian: Jaahaa! Irgendwer hat sich beschwert, dass er Vietnam schon zu oft zu Hause gehört hätte!
(Noch mehr Gelächter)
…Nein Scherz! Ich hab gelesen, dass „Zu jung für R.E.M.“ unser Boyband-Song wäre und darüber musste ich schon sehr lachen. Wir machen halt Popmusik im weitesten Sinne wahrscheinlich, aber wir selbst sind alle mit Punk sozialisiert und wenn jemand zu uns sagt, wir machen Boybandmusik oder das ist ein Boyband-Song oder so, dann fände ich zukünftige Boybands, die so klingen, auf jeden Fall total geil. Dann könnte ich mit breiter Brust die neuen Backstreet Boys oder Us5 hören!

SG: Aber ein bisschen erinnert es tatsächlich daran. Ich hatte auch diese Assoziation, aber das ist ja nicht alles daran.

Florian: War das auch in deiner Kritik?

SG: Ich hatte die Assoziation am Anfang mit drin. [Anmerkung: Ja aber hallo!]

Florian: Witzig! Also ich hab versucht zu verstehen, was die Leute dazu bewegt, so was zu schreiben. Ich tu‘ das ja nicht alles als Quatsch ab. So was ist ja immer Wahrnehmung und das hat immer seine Berechtigung. Deswegen finde ich, gibt es auch keine schlechten Kritiken. Es gibt Kritiken, bei denen wir schlecht weg kommen, aber die Leute haben ja einen Grund so was zu schreiben und wenn‘s nur ist, dass sie gerade einen schlechten Tag hatten oder so. Ich glaube, in dem Fall liegt es einfach daran, dass am Anfang „ohh ohohoh“ gesungen wird. Aber das finde ich ziemlich okay. Ist ja auch witzig, dass es dann ein Song ist, der gar nicht so witzig ist, sondern eher ein Nörgelsong.

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SG: Man nehme an, „& das ist erst der Anfang“ wird von sämtlichen Bands als absolute Kriegserklärung aufgefasst und ihr steht im Kreuzfeuer. Wie reagiert ihr?

Florian: Hast du diesen Kay One Diss-Track gehört? An Bushido?

SG: Ich hab ihn nicht gehört, aber Reaktionen darauf gelesen.

Florian: So wäre es auf jeden Fall nicht. Wir würden viel tighter rappen.
(Gelächter)
Ich hätte es mir gewünscht, dass sich jemand von den genannten Personen darüber aufregt. Wir sind einfach viel zu klein und unbedeutend, als dass sie das kümmern würden, dass er Sänger von Aufbau West in einem Lied singt, dass er Tim Bendzko scheiße findet oder zu mindestens den Welt-Retten-Song. Aber das juckt den gar nicht, weil er mit Benz fahren beschäftigt ist. Das interessiert den nicht.
Aber wenn es so sein sollte, dann… was sollen die schon machen? Die können sagen „Liebe Fans, niemand von euch sollte jemals Aufbau West hören!“, aber selbst das wäre ja für uns Blitzlicht. Das würde uns ja Aufmerksamkeit bringen. Von daher ist das völlig egal. Ich glaube nicht, dass wir uns da zu einem Streit hinreißen lassen würden.

SG: Ich hab zum Beispiel von Jennifer Rostock Fans gehört „Boah, woher nehmen die sich das Recht raus…“.

Florian: Echt? Ich kann‘s ja auch verstehen, weil die Leute von uns gewohnt waren, dass wir – und das gibt’s ja auf dem Album zum Glück auch – Lieder über Befindlichkeiten machen. Also emotional aufgeladene Lieder. Aber in dem Lied geht es halt irgendwie um Wut und darum, dass man sauer auf bestimmte Sachen ist, was ja auch ‘ne Emotion ist. Aber die Leute wollten von uns immer nur „Die sicher schlimmste Wahl“-Songs hören. Also immer nur so Emo-Soundtrack. Und wir sind mehr als das. Wenn die darauf keinen Bock haben, dann bitteschön. Ist ja auch in Ordnung. Die können ja auch einfach „Zweitbester“ oder „So große Gegenstände“ oder so hören. Es gibt diese Songs ja trotzdem.

SG: Lichter aus – doch bevor es soweit ist… was wollt ihr gern der Welt mitteilen?

(Stille und fragende Blicke)
Johannes: Haben wir da beide eine Meinung?
Florian: Ne… ich hab gerade in meinem Kopf… da ist gerade Leere… da seh‘ ich so ein Staubding in der Wüste…

SG: Nicht so einen Affen?

Florian: Nene… das seh ich, wenn ich an unseren Schlagzeuger denke.
(Gelächter)
…ich finde so Quintessenzen immer schwierig. Also ich glaube keiner von uns hat damit gerechnet, dass sich so viele Menschen über unser Album freuen, das mitbekommen, das kaufen und zu unseren Konzerten kommen. Das ist einfach unheimlich schön und das rührt uns so krass, weil wir wirklich gedacht haben ‚Naja… wir sind halt die andere Band aus dem Jennifer Rostock-Vorprogramm‘. Wir dachten, man hätte uns vergessen.
Das ist nicht passiert und das ist einfach unheimlich schön. Ich glaube, die Leute, die das gehört haben, wissen das zu schätzen und das tut uns unheimlich gut. Selbst, wenn wir wahrscheinlich nächstes Jahr noch nicht auf der Hauptbühne von Rock am Ring spielen werden. Aber Rock am Ring gibt’s ja eh nicht mehr.
Also, ich möchte mich jedenfalls unterm Strich gern bedanken, für die Unterstützung, weil das ist sehr sehr warmherzig. Und ihr sagt „ooohh“, aber ich meine das so. Es ist auch voll schön, dass ihr euch so viel Mühe macht und so schöne Fragen, so reflektierte Fragen stellt. Ich mein das Ernst. Das ist nicht der Standard.
(zu Johannes)
Du noch etwas?
Johannes: Ich möchte Liebe in die Welt streuen.
Florian: Liiiiiebe!

Liiiiebe! Also Liebe finden wir tatsächlich gut und unterstützenswert. Davon könnten einige Zipfel der Welt gern noch ein wenig mehr abbekommen. Wir danken Florian und Johannes für dieses wirklich aufschlussreiche Interview und hoffen, die Skeptiker unter Euch haben nun auch Bock auf die Jungs bekommen. Reinhören lohnt sich!

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Hallo, ich bin Schallgefluester. Ich bin laut und leise.

4 Kommentare
    1. Hallo Jessica!

      Wir haben uns das auch gefragt, aber irgendwie sind die Aufnahmen dazu leider nie ans Tageslicht gelangt. Wer weiß, was daraus geworden ist :(

      Viele Grüße
      Tini

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Livemusik und Bühnennebel. Der Stoff, aus dem Konzerte sind. Genau diesen Phänomenen widmet sich Schallgefluester - dein Musikblog mit Herz und Seele statt kopfloser Massenproduktion. Von Adam Angst bis Die XYZ - hier wird musikalische Vielfalt groß geschrieben. Von Konzertfotos und Berichten bis hin zu Interviews, Rezensionenund Ankündigungen - ich widme mich kleinen und größeren Künstlern und deren Musik. Ob Geheimtipp wie Farben/Schwarz und END oder großer Fisch wie Thees Uhlmann, Jan Delay oder Sleeping With Sirens - für mich zählt die Leidenschaft an der Musik.

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