Rezension: Aufbau West – Zweitbester

Aufbau West. Papa würde sich jetzt als altes Ostkind irgendwie am Namen stören. Sein Pech, wir sind halt aus einer anderen Generation. Er versteht das nicht. Und das Gehampel von Florian Berres erst, ayayay. Und können die eigentlich auch positiv?

Gut, dass das nicht seine Rezension ist, sondern Christins. Die geht da nämlich etwas anders an die ganze Sache heran.

Aufbau West Zweitbester
Name Zweitbester von Aufbau West ¹
Erschienen am 21.11.2014 via Fleet Union
Musikstil deutschsprachiger experimenteller Synthie-Indie-Poprock mit Hiphop-Elementen
Spieldauer 36:33 min verteilt auf 11 Songs
Weitere Infos Facebook YouTube Webseite Instagram Twitter
zu erwerben via Amazon*, iTunes & Co.

Aufbau West. Zugegebenermaßen kenne ich die ja bisher auch nur als Vorband von Jennifer Rostock. Beim deren letzter Tour ist mir in der Turbinenhalle Oberhausen auch der Sänger immer wieder direkt vor der Nase herumgerannt. Florian Berres heißt der. Manche verwechseln ihn mit Klaas Heufer-Umlauf, welcher aber bei Gloria singt.

„Zweitbester“ heißt nun also das groß angekündigte Album. Nicht von Klaas und Gloria, sondern von Aufbau West. Ich habe es schon eine ganze Weile in digitaler Form vorliegen. Einige Wochen habe ich es auf mich wirken lassen und war doch sehr erstaunt. Aber fangen wir von vorne an…

Die Aufmachung ist so natürlich etwas schwer zu beurteilen. Ich kenne das Cover nur von ein paar wenigen digitalen Abbildern. Da erschließt sich mir ein grober Aufbau – das Artwork ist allgemein eher in Dunkel gehalten. Heraus sticht ein älteres graustufiges Foto in Form einer Eins. Darunter prangt in Hellbraun der Albumtitel. Nahe der oberen rechten Ecke befindet sich eine braune Fläche, ähnlich eines voll hippen Lederpatches, auf der in schlichter dunkler Schrift der Bandname zu lesen ist. Bevor ich mich ganz schrecklich blamiere, rette ich mich aus der Bredouille, indem ich einen Jeden selbst zur Interpretation auffordere. Im Übrigen scheint mir die Ziffer in physischer Form sogar ausgestanzt zu sein. Das ist schon ganz schön edel!
[Nachtrag: Ein Beweisfoto verriet: Die bräunliche Farbe stellt sich als GOLD heraus! Dieses Cover ist gülden, verdammt! Wenn das keine Wertanlage ist… legt Euer Geld in Aufbau West Alben an!]

Ich taste mich langsam an die Musik heran. Aufbau West sind eine Band mit einem sehr speziellen Stil. Irgendetwas zwischen rhythmischem synthiegetragenem Indiepophiphop, zwischen Ich-hab-keinen-Bock-mehr-auf-die-Kacke und Alles-halb-so-wild, ein wenig gescheiterte Liebe, ganz viel „mit der Gesellschaft geht’s den Bach herunter“. Ein bisschen Sturm und Drang. Und irgendwie noch viel mehr Aufklärung. Als würde das berühmte „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ von Florian Berres stammen, nicht etwa von Immanuel Kant.
So aufregend dieses Credo vielleicht klingen mag, so unspektakulär ist der Start der Platte für all diejenigen, welchen die Band schon vorher ein Begriff war. Beim ersten Track handelt es sich nämlich um keinen geringeren als Vietnam“. An sich ein geiles Ding, doch mein Replaybutton fühlte sich bereits vor Erhalt des Albums im Bezug auf diesen Song dezent wundpenetriert.
Danach folgt das leicht wütend anmutende & Das ist erst der Anfang“. Ich gebe zu – anfangs kam ich weder auf das Gehampel im Video, noch auf den Stil klar. Doch das Zuhören lohnt sich und ich fühle mich in meinen Beobachtungen in Sachen so mancher berühmter Bands und deren Fans überaus verstanden und bestätigt. Ob sich Aufbau West solche klaren Ansagen auch trauen würden, wenn sie bekannter wären? Das wäre einfach großartig.

Als Nächstes ertönt „Von Hellersdorf bis Rotterdam“. Augenblicklich wirft sich mir genau eine Frage auf: Wieso zur Hölle klingt das Instrumental bitte zeitweise so stark nach Donkey Kong Country 2? Es könnte diese unterschwellige Reise zurück in die frühe Kindheit sein oder einfach nur die Geilheit des Textes, aber der Track flasht mich regelrecht durch seine Genialität. „Du sagst, die 90’s kommen wieder und wenn du rotzt, ist das Streetart.“ Eine Art Momentaufnahme des aktuellen Straßengeschehens in der durchschnittlichen deutschen Großstadt.
Darauf folgen schiere Unmengen an intelligenten Songs. Sei es das bereits lange mit meinem iTunes verheiratete Die sicher schlimmste Wahl“ gemeinsam mit Jennifer Weist von Jennifer Rostock, welches vor allem durch seine zwei eingearbeiteten Perspektiven besticht oder das kinderchorbegleitete „Deine Mutter (du Armer)“, das textlich voll in die Fresse mit Schein und Sein eines Menschen abrechnet.

Bei Zu jung für R.E.M.“ verpackt die Band eine gescheiterte Beziehung charmant in einem Instrumental, das gerade anfangs doch etwas zu sehr an Klischee-Boybandflair schnuppert. „Doch ich bin zu jung, darauf könnt‘ ich schwör’n, ab jetzt für immer R.E.M. zu hören.“ Man scheint nicht von R.E.M. begeistert zu sein.
Der Namensgeber des Albums, Zweitbester“, ist zunächst wieder deutlich unaufregender, baut sich aber im Laufe der Spielzeit merklich auf. So wie die Gefühlskurve des Songs. Der Sache nicht genügen, sich irgendwann damit abfinden, es anschließend sogar feiern. „Mein Zimmer, mein Ruf, mein Kissen, mein Schlaf, nicht viel, was ich zu bieten hab’“.

Mit Lindenstraße und Cardigans“ habe ich mich musikalisch wohl bisher am wenigsten angefreundet, wenn ich auch insgeheim wieder grandios auf den Instrumentalpart ab knapp der Hälfte des Songs abgehe. Dieses ab diesem Zeitpunkt leicht durchschimmernde Rockbandfeeling macht mein Herz glücklich. Textlich ist auch dieser Song wieder auf einem hohen Niveau angesiedelt. Ein Hoch auf Galgenhumor. „Schreib‘ dir ein Album voll mit Partyhits, dir wär‘ lieber, ich brächt‘ einfach Smarties mit.“
Ein weiterer Höhepunkt schließt sich mit So große Gegenstände“ an. Er wirkt fast schon balladesk im Vergleich zu den anderen Titeln, ist aber keinesfalls eine reine Mimimi-Heulangelegenheit, wenn auch Selbstzweifel und Wut eine größere Rolle spielen. „Ich will so große Gegenstände so schmerzhaft zweckentfremden…“ Doch keine Sorge, hierbei handelt es sich um keinen suizidal angehauchten Text. Es geht schlichtweg darum, dass die geliebte Person einen neuen Partner an seiner Seite hat. Wer hat da nicht so gewisse Gewaltfantasien im Kopf? Auch wenn mich langsam das Gefühl beschleicht, die Band hätte ein paar zu viele „Ohhooh“s im Sparabo gekauft, kann man diesem Song einfach nichts Negatives anhängen.
Auch das sehr nach vorn gehende Lichter aus“ kommt nicht ohne das fast schon obligatorische „Ohohh“ aus. Doch sei’s drum. Auch wenn der Track weniger im Ohr bleibt als so manch anderer, spricht er einfach für sich. Ein besonders nettes Gimmick ist der Chorgesang eher zum Ende des Liedes hin.
Den krönenden Abschluss bildet Kiloweise Realness“, eine weitere lyrische Perle aus dem Hause Aufbau West. „Du hältst das aus, du stellst was dar, soll’n doch alle sagen, du wärst sonderbar.“ Ja, das is‘ halt so! Was soll man dazu schon groß hinzufügen, außer dass dieser Track einfach nur ultra gut ist, was nicht zuletzt auch wieder am wunderbaren Bandpart kurz vor Ende liegt? Nach meinem Geschmack könnte es diese Art von Höhepunkten bei Aufbau West sogar fast noch etwas öfter geben.

„Zweitbester“ hat nicht den Anspruch, dass man in jedes Muster passen muss, der Gesellschaft entsprechen. Es thematisiert das Funktionierenmüssen, den Konkurrenzdruck, die Erwartungen von Individuen und Massen. Es klingt nach einer unterschwelligen Aufforderung, sich nicht dafür herzugeben und sein Ding durchzuziehen. Sich zu trauen, anders zu sein. Denn „Zweitbester“ ist selbst auch anders als der Mainstream.
Aufbau West sind nicht die leichteste Kost für den durchschnittlichen Radiomusikhörer. Die Band traut sich etwas, sowohl hinsichtlich des Stils, als auch im Bezug auf die Texte. Sie kritisiert die Gesellschaft, in der wir uns alle befinden. Entweder gestehen wir uns ein, dass Florian Berres Recht hat oder wir streiten es ab und haten ihn dafür, dass er als so „unbedeutender Musiker“ Dinge wie diese nicht behaupten dürfe.
Ich jedenfalls gehöre zu denjenigen, die vor ihm sogar den Hut ziehen. Ich danke der Band für diese grandiose CD und stelle sie nur zu gern auf den Posten Album des Jahres“, auf dem neben diesen nur noch ein anderes verweilt.

Wer unbedingt noch eine Limited Edition des Albums samt Remixversionen abgreifen möchte, sollte sich lieber beeilen – schon vor dem öffentlichem Releasetermin wird es langsam eng. Vorbestellen kann man sich das gute Stück beispielsweise bei Amazon.

Anspieltipps: „Von Hellersdorf bis Rotterdam“, „Deine Mutter“, „So große Gegenstände“

tini
tini

Medienstudentin und Software-Testerin in NRW. Fotografiert erst seit August 2014, dafür aber mit voller Leidenschaft. Canon EOS 700D* mit Canon 50mm 1.4* samt original Canon GeLi* & Canon 24mm 2.8*

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Schallgefluester

Livemusik und Bühnennebel. Der Stoff, aus dem Konzerte sind. Genau diesen Phänomenen widmet sich Schallgefluester - dein Musikblog mit Herz und Seele statt kopfloser Massenproduktion. Von Adam Angst bis Die XYZ - hier wird musikalische Vielfalt groß geschrieben. Von Konzertfotos und Berichten bis hin zu Interviews, Rezensionenund Ankündigungen - ich widme mich kleinen und größeren Künstlern und deren Musik. Ob Geheimtipp wie Farben/Schwarz und END oder großer Fisch wie Thees Uhlmann, Jan Delay oder Sleeping With Sirens - für mich zählt die Leidenschaft an der Musik.

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